HISTORISCHER ROMAN · 1525 · DEUTSCHLAND

ZINGARAZwischen Krieg und Liebe

Brot · Freiheit · Glaube · Liebe

Kann eine Liebe im Schatten der Galgen dem Urteil ihrer Zeit widerstehen?

1525. Nach der Niederlage von Frankenhausen fliehen überlebende Bauern in die Wälder, während in Coburg die Hinrichtungen vorbereitet werden. Fürsten, Kirche und Aufständische kämpfen um Ordnung, Glauben und Überleben.

Inmitten dieser Gewalt begegnet Zingara dem ehemaligen Novizen und Schuhmachergesellen Matthias. Ein Paar rote Schuhe, grüne Augen und der Klang einer Flöte öffnen eine zweite Geschichte: die einer Liebe, die in einer Welt der Grenzen keinen Platz haben soll.

Bauernkrieg · Reformation · Coburg · Liebe · Klasse · Freiheit
Buchcover Zingara
M. Mehmet Ünver
Am Anfang des Buches

Für alle Opfer von Krieg und Liebe…

Der Autor widmet das Werk, das er für alle Opfer von Krieg und Liebe geschrieben hat, seiner geliebten Frau Şekibe.

In der Danksagung nennt er seinen Lektor Özcan Özen sowie Emin Kalça, Deniz Köşker, Nihal Olgun und Mefaret Gültekin. Ebenso dankt er Fachleuten aus den Archiven von Coburg und Erfurt, die ihn bei seinen historischen Recherchen unterstützt haben.

„Dieser Roman ist nicht allein das Werk eines Schriftstellers, sondern das Ergebnis einer Freundschaft, einer gemeinsamen Überzeugung und gemeinsam geleisteter menschlicher Arbeit.“

Satz, der neugierig macht

Eine Liebe
ohne Vergleich

„Jeder Mensch hatte eine Liebe, und jede Liebe hatte ihre eigene Geschichte. Aber niemand hatte seine Zingara. Und niemand erlebte eine Liebe wie die zu Zingara…“

HISTORISCHER BUCH- UND WEBSEITENTEXT
Diesen Satz habe ich bewusst als starken Leser-Haken nach vorn gezogen: Er öffnet sofort die Frage, was Zingara und Matthias von allen anderen Liebesgeschichten unterscheidet.
Über den Roman

Zwei Menschen
gegen die Ordnung
ihrer Zeit

Der Roman beginnt im Erlanger Wald bei Männern, die Frankenhausen überlebt haben. Andreas und seine Gefährten sind erschöpft, hungrig und voller Zweifel. Gerüchte über Thomas Müntzer und die Frage, ob Flucht Verrat bedeutet, zerreißen ihre Gemeinschaft.

In Coburg werden währenddessen die Galgen vorbereitet. Zingara erlebt die Hinrichtung des Müllers Jörg Preyl und trägt das Bild seines Körpers in die Nacht hinein. Die Gewalt des Bauernkriegs wird dadurch nicht zur abstrakten Geschichte, sondern zu persönlicher Erinnerung.

Auch Wittenberg tritt in die Handlung: Martin Luther und Katharina heiraten, während die Folgen von Reformation und Bauernkrieg weiterwirken. Religiöse Erneuerung und politische Gewalt stehen unmittelbar nebeneinander.

Der emotionale Wendepunkt beginnt in einer Schuhmacherwerkstatt. Zingara verlangt rote Schuhe; Matthias kniet vor ihr nieder, um sie anzupassen. Was als alltäglicher Handgriff beginnt, wird zum ersten stillen Zeichen einer Beziehung, die gesellschaftliche Grenzen herausfordern wird.

01

Brot und Freiheit

Der Bauernkrieg und die soziale Ungleichheit bilden den historischen Druckraum des Romans.

02

Glaube und Aufstand

Müntzer, Luther, Kirche und Fürsten machen sichtbar, wie eng religiöse Deutung und politische Macht verbunden sind.

03

Zingara und Matthias

Eine Liebe wächst dort, wo Stand, Herkunft, Religion und Gewalt bestimmen wollen, wie ein Mensch zu leben hat.

Leseprobe · Vorlesefunktion

Vom Wald bei Erlangen bis zu den Galgen von Coburg: die ersten fünf Kapitel.

Die ersten fünf Kapitel stammen vollständig aus der von dir hochgeladenen deutschen Leseprobe. Sie können geöffnet, gelesen oder mit einer deutschen Frauenstimme vorgelesen werden.

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Buchcover Zingara
01 Kapitel 1 Lesen · Hören +
Kapitel 1 · Deutsche Frauenstimme
Bereit zum Vorlesen.

Erlangen, Juni 1525

Im Erlanger Wald brannte ein Feuer. Doch niemand trat näher, um sich daran zu wärmen.

Die schwache Flamme zwischen den Kiefern erhellte die Gesichter ringsum nur für kurze Augenblicke, wie das letzte Flackern einer Kerze vor dem Erlöschen. Dann verschlang die Dunkelheit sie von Neuem. Eingefallene Augen, rissige Lippen und Wangen, die unter Schmutz und Schlaflosigkeit versunken waren, tauchten einen Moment lang auf und verschwanden wieder. Wärme war fern, Sicherheit noch ferner. Unter den Kiefernnadeln gingen die Atemzüge kurz, und jedes Wort wurde mit Bedacht gesprochen. Jeder wog erst in sich selbst ab, was er sagen wollte.

Die Männer waren Frankenhausen lebend entkommen, doch sie konnten einander nicht mehr so ansehen wie früher. Der eine hatte sein Feld zurückgelassen, der andere seine Frau, ein Dritter sein letztes Vertrauen in Gott. Niemand fragte, weshalb sie dort waren. Und hätte jemand gefragt, wäre ungewiss gewesen, ob es überhaupt einen gab, der hätte antworten können.

Tagsüber drückten sie sich unter den dichten Kiefern nieder, nachts harrten sie mit zusammengebissenen Zähnen zwischen den feuchten Wurzeln aus. Einige der Klöster, auf die sie unterwegs stießen, steckten sie in Brand. Ob sie es aus Rache taten, aus Angst oder um hinauszuschreien, dass sie noch lebten, wussten sie selbst nicht. Der Rauch war in jede Faser ihrer Kleidung gedrungen und hatte sich in ihrer Haut festgesetzt.

Das Versteckleben im Wald verzehrte einen nicht auf einmal, sondern lautlos. Hunger, Misstrauen und Angst drangen tiefer als die Schwerter der Fürstensoldaten. Selbst das harmloseste Wort endete in Streit, und in den Gesichtern der anderen suchten die Männer weniger nach Brüderlichkeit als nach verborgenem Zorn.

Andreas Barthel versuchte, die Wunde über der Braue eines Man nes zu verbinden. Der Stofffetzen in seiner Hand war von dunklem Blut durchtränkt. Als er ihn von der Wunde nahm, machte das Blut zwischen seinen Fingern die Nacht noch schwerer.

Der Verwundete hob den Kopf. Sein Blick blieb zunächst an Andreas’ Hand hängen und wich dann hastig aus. Trotz seines massigen Körpers waren seine Schultern eingesunken, und wie er dasaß, wirkte er klein.

Ein anderer brachte vom Rand des Feuers eine Handvoll kalter Asche. Sie ging von Hand zu Hand wie eine letzte Hoffnung. Als Andreas sie auf die Wunde drückte, biss der Mann die Zähne zusammen, und ein dumpfes Stöhnen drang aus seiner Kehle. Mit einer Hand hielt Andreas seinen Kopf fest, mit der anderen presste er den Stoff auf die Wunde.

„Damit musst du dich begnügen.“ Der Mann wich seinem Blick aus. „Er hat angefangen. Er verlässt sich auf seinen massigen Körper.“ „Ich kann nicht bei jedem eurer Streitereien dazwischengehen. So kann es nicht weitergehen.“

Als die Wunde verbunden war, senkte der Mann den Kopf. „Danke.“ Er stand auf und ging zu seinen Gefährten am Feuer zurück. Er setzte sich, als wäre nichts geschehen, und mischte sich mit leiser Stimme wieder in die Gespräche. Doch seine Stimme klang ferner und härter als zuvor.

Andreas blieb allein zurück. Er entfernte sich vom Feuer und begann, mit schweren Schritten zwischen den Kiefernstämmen umherzugehen. Die trockenen Zweige unter seinen Füßen knackten, dann versank der Wald erneut in Schweigen. Wenn der Wind durch die Äste strich, zerbrach das Licht des Feuers auf seinem Gesicht. Mal blickte er in die Dunkelheit, mal auf die Glut.

Seine Schultern waren eingesunken, sein Atem ging schwer, sein Blick war leer.

Er wusste nicht, wohin er die Männer führen sollte. Seine Schultern zitterten kaum merklich. Was auf ihm lastete, war nicht das Gewicht einer getroffenen Entscheidung, sondern das der Unfähigkeit, eine zu treffen.

Am Feuer saß der alte Pater Bernhard Niklas gegenüber. Er presste die Knie aneinander und versuchte, seine Hände zu wärmen. Dennoch zitterten seine Finger.

„Bruder“, sagte er mit brüchiger Stimme, „weist du mit der Kirche auch Gott zurück?“ Niklas hob den Kopf. Die Rußflecken in seinem Gesicht wirkten wie alte Wunden. Seine Mundwinkel waren ausgetrocknet. Mit dem Finger zog er eine Linie durch die Asche.

„In der Kirche der Verzweiflung bin ich längst getauft worden, Pater. Wann hat Jesus meine Stimme je gehört?“

Bernhard schwieg. Nach einer Weile sprach er erneut. „Wenn du dich von ihm lossagst, was bleibt dann noch?“ Niklas blickte ins Feuer. „Auch die, die in Frankenhausen zu Boden gingen, hielten sich an ihm fest.“

Andreas blieb stehen. Rauch drang ihm in die Augen. Er wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht, sagte jedoch nichts.

Am Rand der Glut zischten einige Pilze und verbreiteten ihren schweren Geruch. Statt den Appetit anzuregen, erinnerte er nur an den Hunger. Die Mägen der Männer knurrten, doch jeder tat, als hätte er es nicht gehört.

Ulrich trat aus der Dunkelheit. Seine Kleidung hing ihm in Fetzen vom Leib. Das getrocknete Blut an seiner rechten Schulter war auf dem abgetragenen Hemd zu einem dunklen Fleck erstarrt.

„Habt ihr mir auch etwas übrig gelassen? Ich habe mit leerem Magen Wache gehalten.“

Michel reichte ihm den Pilz in seiner Hand. „Nimm, Bruder. Ich habe keinen Appetit.“ Ulrich nahm den Pilz. Er wollte sich bedanken, brachte jedoch keinen Laut hervor. Als ihm der schwere Geruch in die Nase stieg, verzog er das Gesicht. Trotzdem biss er ein kleines Stück ab.

Michel stand auf und ging zu Andreas. Im roten Schein des Feuers wirkte sein Gesicht kleiner und müder, als es war.

„Hast du darüber nachgedacht?“ Andreas antwortete nicht. „Wenn wir heute Nacht aufbrechen, können wir unsere Spur verwischen“, sagte Michel. „Wir gehen nach Norden. So weit fort, dass uns niemand mehr verfolgen kann.“

Andreas schüttelte den Kopf. Sein Blick blieb an der Glut hängen. Hieß fliehen, die Last der Zurückgebliebenen zu tragen, oder nur die eigene Haut zu retten?

„Wenn wir fliehen, retten wir nur unser Leben“, sagte er schließlich. Seine Stimme klang wie ein leises Geständnis. „Reicht uns das nach all dem Blut?“ Michels Gesicht wurde im roten Feuerschein noch kleiner. „Ich weiß es nicht. Meine Hoffnung ist nur die eines müden Mannes.“ Eine Weile standen sie nebeneinander. Dann kehrten sie gemeinsam zum Feuer zurück.

Markus erzählte: „Mühlhausen hat sich ergeben.“ Michel wandte den Kopf. „Was erzählst du da schon wieder? Zum wievielten Mal jetzt?“ Andreas warf ihm einen kurzen, harten Blick zu. „Lass ihn, Michel.“ Markus fuhr fort. „Sie sollen Müntzer nach Frankenhausen auf der Flucht gefasst haben. Man habe ihm die Hände in Ketten gelegt, ihn nach Heldrungen gebracht und gefoltert. Trotzdem soll er nicht gesagt haben, dass er bereue.“

Ein Funke stieg aus dem Feuer auf. Einen Augenblick lang hing er in der Luft, dann erlosch er.

Ulrich hielt inne, ehe er den Pilz in seiner Hand zum Mund führte. „Wer hat den Brief geschrieben, in dem die Mühlhäuser aufgefordert wurden, die Waffen niederzulegen?“

„Er wurde gefoltert“, sagte Markus. „Wie viel davon er aus eigenem Willen geschrieben hat, weiß Gott.“

Ulrich steckte den Pilz in den Mund. Er kaute lange darauf und schluckte ihn hinunter.

„Und doch kommen einem Zweifel.“ „Das sind Worte, die man erfunden hat, um uns gegeneinander aufzubringen“, sagte Niklas. „Müntzer verrät seine eigene Sache nicht.“

„Auch wir sind aus Frankenhausen geflohen“, sagte Ulrich. „Manche ließen die Verwundeten zurück. Manche warfen ihre Waffen fort und retteten ihr Leben. Haben wir dann nicht alle unsere Sache verraten?“

Niklas beugte sich vor. „Ist Flucht dasselbe, wie vor den Fürsten auf die Knie zu fallen?“ Die Frage blieb in der Luft hängen. Statt einer Antwort strich der Wind durch die Kiefern und ließ die trockenen Nadeln zu Boden rieseln.

„Du bist nicht gefoltert worden“, sagte Markus. „Du weißt nicht, was ein Mensch dort sagt oder worauf er sich einlässt.“

Niklas sah ihn unverwandt an. „Weißt du es?“ Markus öffnete die Lippen, konnte jedoch nicht sofort antworten.

„Nein.“ Er streckte die Handflächen dem Feuer entgegen. „Ich habe es von einem Fuhrmann gehört“, fuhr er fort. „Er wiederum hatte es von Leuten, die dabei gewesen waren. Müntzer soll gesagt haben: ‚Alles muss allen gehören. Jeder soll bekommen, was er braucht.‘ Der Fürst sei daraufhin wütend geworden und habe gerufen: ‚Das ist die Lehre des Teufels!‘“

Ulrich lachte bitter. „Ein Fuhrmann, der es von Augenzeugen gehört hat. Aus jedem Mund spricht ein anderer Müntzer. Gott weiß, wie man von dem erzählen wird, was wir getan haben. Waren in den Klöstern, die wir niederbrannten, nur jene, die uns unterdrückt hatten?“

Niklas sah ihn scharf an. „Hast du jetzt Mitleid mit den Priestern?“ Ulrich wandte den Blick nicht vom Feuer ab. „Ich weiß nicht, mit wem ich Mitleid habe. Vielleicht mit uns selbst.“ Seine Worte verloren sich im letzten Rot des Feuers. Pater Bernhard presste die Hände auf seine Knie. Sein Blick ruhte auf dem Boden.

„Glaubt ihr, sie hätten Müntzer begnadigt, selbst wenn er sich von seiner Sache losgesagt hätte?“, sagte er. „Die Fürsten hatten ihr Urteil längst gefällt.“

Markus senkte die Stimme. „Sie haben sich nicht einmal damit begnügt, ihn zu enthaupten. Trotz seines letzten Wunsches haben sie seine Habseligkeiten Ottilie nicht gegeben. Sie ist mit dem Kind allein zurückgeblieben.“

Ulrichs Gesicht wurde bleich. „Wer bleibt zurück, wenn sie auch uns töten?“, flüsterte er. Niemand antwortete. Ein letztes Knacken kam aus dem Feuer. Wieder strich der Wind durch die Kiefern. Langsam fielen trockene Nadeln zu Boden.

Andreas ging langsam in die Hocke. Er legte die Hand auf die Erde. Seine Finger berührten feuchte Blätter, die sich mit der Asche vermischt hatten. Er nahm etwas Erde in die Hand.

Der Geruch von Erde, Asche und Blut hatte sich miteinander vermengt.

Eine Weile betrachtete er, was in seiner Hand lag. Seine Augen schienen nach einer fernen Erinnerung zu suchen, fanden sie jedoch nicht. Er schloss die Finger. Dann öffnete er die Hand wieder und ließ die Erde langsam zu Boden fallen.

Das Feuer erlosch. Die Asche bewahrte noch ihre Wärme, doch das Licht hatte sich zurückgezogen. Die Gesichter der Männer waren in der Dunkelheit nur noch als blasse Umrisse zu erkennen.

Niemand stand auf. Niemand sprach. Lange Zeit gab es nur die Nacht. Dann waren einige Schritte zu hören. Sie trugen den Traum von einem fernen Weg in sich, der noch nicht gewählt war.

Der Wald war bereit, sie lautlos zu verschlingen.

02 Kapitel 2 Lesen · Hören +
Kapitel 2 · Deutsche Frauenstimme
Bereit zum Vorlesen.

Coburg, Juni 1525

Ein kühler Nebel lag über dem steinernen Weg, der vom Hügel der Veste hinab nach Coburg führte. Hans und einige Burgwächter begleiteten Pfarrer Balthasar. Hans und der Pfarrer gingen voraus, die Wächter folgten ihnen einige Schritte dahinter. Das Mondlicht fiel auf die Steinmauern und ließ ihre Gesichter wie bleiche Medaillons schimmern.

Hans neigte leicht den Kopf. „Ihr seht heute müder aus, Herr Pfarrer.“ Der Pfarrer ließ die Schultern sinken. „Es ist nicht leicht, sie auf den Tod vorzubereiten, der sie erwartet. Manche weinen, andere sagen kein einziges Wort. Wenn der Mensch an die Schwelle des Todes gelangt, erinnert er sich entweder an all seine Sünden oder will sich an keine einzige erinnern.“

Der Nebel glitt den Hang hinab. In der Ferne stand der Glockenturm von St. Moriz wie ein undeutlicher Schatten im Nebel.

Hans schwieg eine Weile. „Vergibt Gott einem Aufrührer, der sich gegen König und Kirche erhoben hat, dennoch?“

Der Pfarrer verlangsamte seine Schritte. „Für den, der in Reue kommt, bleibt das Tor der Barmherzigkeit offen.“ Nach einigen Schritten fuhr er mit leiserer Stimme fort: „Im Lukasevangelium steht geschrieben: Wenn ihr, obwohl ihr bö sen Herzens seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel gewisser wird dann der Vater im Himmel denen den Heiligen Geist geben, die ihn bitten?“

Hans’ Kiefer spannte sich an. Seine Hand berührte den Griff seines Schwertes und blieb dort liegen.

„Ich bin nicht dafür, dass ihnen Barmherzigkeit erwiesen wird.“ Der Pfarrer sah ihn an. „Weil du sie noch immer auf dem Schlachtfeld siehst.“ Hans antwortete nicht. Er richtete den Blick auf die Steine vor seinen Füßen, doch unter diesen Steinen war der Schlamm von Frankenhausen noch immer nicht getrocknet.

„Wie kann jemandem vergeben werden, der einem Menschen nach dem Leben trachtet?“, sagte er. „Wenn ein Mann eine Sense ergreift und gegen seinen Herrn zieht, ist das keine Sünde?“

„Es ist eine Sünde“, sagte der Pfarrer. „Doch das letzte Urteil steht nicht uns zu, sondern Gott.“

Hans nahm die Hand vom Schwertgriff. „Auf dem Schlachtfeld war es schwer, Gottes Urteil zu erkennen, Herr Pfarrer. Dort war nur Blut.“

Der Pfarrer schwieg. Der Nebel zog zwischen ihnen hindurch und breitete sich über den Weg aus.

„Auch Blut legt dem Menschen eine Binde um die Augen“, sagte er dann. „Manchmal sieht der Mensch selbst die Gerechtigkeit nur durch seine eigene Wunde.“

Hans hob den Kopf und sah dem Pfarrer ins Gesicht, dann wandte er den Blick wieder nach vorn.

„Wenn die Wunde tief ist, fällt es schwer, anders zu sehen.“ „Es ist nicht leicht“, sagte der Pfarrer. „Doch wenn der Mensch nur mit dem lebt, was leicht ist, kommt die Barmherzigkeit niemals an die Reihe.“

Eine Weile gingen sie schweigend weiter. Als der Weg steiler wurde, rutschte der Stein unter dem Fuß des Pfarrers weg. Als er ins Wanken geriet, griff Hans ihm sofort unter den Arm.

„Gebt acht, Herr Pfarrer!“ Der Pfarrer lächelte. Die Linien um seine Augen vertieften sich. „Ein Pfarrer, der sich auf den Arm eines Soldaten wie dich stützt, fällt nicht so leicht.“

„Dieser Weg ist beschwerlich für Euch.“ „Ist nicht auch das Leben ein Weg?“, sagte der Pfarrer. „Je älter der Mensch wird, desto schwerer wird die Last, die er trägt. Mit der Zeit beugen sich sowohl sein Rücken als auch seine Seele.“

Als sie den Marktplatz beim Rathaus erreichten, blieb der Pfarrer plötzlich stehen.

In der Mitte des Platzes erhob sich ein breites hölzernes Schafott. Darauf waren vier Galgen errichtet worden. Die Schlingen schwankten leicht im Wind. Noch hatten sie sich um keinen Hals gelegt, doch sie genügten bereits, um die Luft auf dem Platz zu verändern.

Der Harzgeruch des frisch geschlagenen Holzes vermischte sich mit der Feuchtigkeit des Abends. Hammerschläge hallten durch die leeren Straßen, und jeder Schlag ließ den nahenden Morgen ein wenig wirklicher werden.

Der Pfarrer faltete die Hände vor der Brust. Seine Lippen bewegten sich, doch kein Laut kam über sie.

Hans deutete auf das andere Ende des Platzes. „Der Mann dort, der ihnen vorsteht ... Ist das nicht der Bürgermeister?“

Der Pfarrer nickte. „Ja. Georg Goldschmied.“ Hans beobachtete den Mann, der den Zimmerleuten Befehle zurief. Goldschmieds Stimme hallte hart über den Platz. Mit dem Stab in seiner Hand deutete er bald auf die Bretter, bald auf die Arbeiter.

„Seltsam“, sagte Hans. „Als ließe er seine Wut am Holz aus.“ „Während des Aufstands wurden seine eigenen Felder niedergebrannt“, sagte der Pfarrer. „Nun baut er seine Treue auf der Asche auf.“

Hans lächelte spöttisch. „Dann sind diese Galgen also sein Gebet.“ Der Pfarrer wandte den Blick nicht vom Platz ab. „Vielleicht sind sie die Sühne für seine Angst.“ Eine Weile sprachen sie nicht. Der Geruch von Harz, der Nebel und der nahende Tod vereinten sich in derselben Luft.

Der Pfarrer ging um das Schafott herum und wandte sich der steinernen Kirche in der nächsten Straße zu. Die Wächter blieben auf dem Platz zurück. Hans begleitete ihn bis zur Tür des Pfarrhauses.

Der Pfarrer trat ein. Langsam schloss sich die Holztür. Als Hans auf den Marktplatz zurückkehrte, war die Nacht noch dunkler geworden. Die Straßen lagen verlassen da, doch auf dem Platz waren die Geräusche der Hämmer und Sägen nicht verstummt. Unter den Augen der Wachposten arbeiteten die Zimmerleute weiter und stellten die Schemel genau unter die Schlingen.

Der Wind brachte die dicken Stricke leicht ins Schwanken. Die Glocken von St. Moriz begannen zu läuten. Dieser Klang stieg nicht wie ein Gebet empor. Er glich einer kalten Nachricht, die sich über die steinernen Straßen Coburgs verbreitete. Mit jedem Nachhall erzitterten die Fenster der Häuser, die Hunde heulten, und die Kinder verstummten.

Hans blieb stehen. Er hob den Kopf und lauschte dem Glockenklang, der hinter den Gebäuden hervordrang.

Dann senkte er den Kopf, spuckte auf den Boden und ging weiter.

03 Kapitel 3 Lesen · Hören +
Kapitel 3 · Deutsche Frauenstimme
Bereit zum Vorlesen.

Die Nacht hatte sich über den Wald gesenkt. Die Kiefernstämme, die nasse Erde und die Gesichter der Männer verschwammen in derselben Dunkelheit. Die Wärme des Feuers war längst gewichen; ihre Atemzüge verwandelten sich in kurze Dampfwolken.

Aus der Finsternis kam ein trockenes Knacken. Alle wandten den Kopf. Mehrere Hände griffen nach den Messern. Ulrich versuchte, sich aufzurichten, doch die Wunde an seiner Schulter ließ es nicht zu.

Im blassen Rot der Glut erschien Christians Silhouette. Mit seinem rundlichen Gesicht, dem federbesetzten Hut und seiner noch einigermaßen sauberen Kleidung sah er wie ein gewöhnlicher Handwerker aus. Als er näher kam, blieb er einen Augenblick stehen, richtete seinen Kragen und prüfte seinen Gürtel. Er grüßte nicht und lächelte auch nicht.

Er durchbrach den Kreis um das Feuer und trat hinein. Ohne jemanden länger anzusehen, blieb er Andreas gegenüber stehen.

„Die Nachrichten sind schlecht“, sagte er. Niemand rührte sich. Einem der Männer fiel der Pilz aus der Hand; er bemerkte es nicht einmal.

Andreas musterte Christians Gesicht. „Wo bist du geblieben? Es sind drei Tage vergangen.“ Christian senkte den Blick. „Ich bin umhergezogen. Ich habe gesprochen. Ich habe zugehört.“ „Bist du in die Städte gegangen?“, fragte Michel. Christian wandte sich ihm zu. „Ich bin nicht über die Felder hinausgekommen. Ich konnte nicht einmal riskieren, dass ein Hund anschlägt.“

Michel brummte. „Und das soll ich dir glauben?“ „Bei Gott, Bruder.“ Andreas ging dazwischen. „Was hast du gehört?“ Christians Blick glitt zur Glut. Als das blasse Licht auf sein Gesicht fiel, war zu sehen, dass sein Kinn zitterte.

„In Coburg beginnen sie am Samstag mit den Hinrichtungen“, sagte er. Sein Blick glitt zur Glut. „Dreiundsechzig unserer Brüder werden sie hängen. Die Bauern sind unruhig. Aber sie sind nicht mutig genug, sich zu erheben. Vielleicht haben sie mir nicht vertraut. Vielleicht ist ihre Angst größer als ihre Wut.“

„Natürlich“, brummte Michel. In seiner Stimme lag ein überströmender Schmerz. „Jetzt, da sich alles beruhigt hat, ist das Hängen an der Reihe.“

Ein dünner Zweig brach zwischen den Kohlen zusammen. Der Wind heulte einen Augenblick auf und verstummte.

Andreas fragte: „Wie weit ist Coburg von hier entfernt?“ „Nicht sehr weit“, sagte Christian. „Aber die Wege werden überwacht.“

„Ich muss hingehen und es sehen.“ Michel wandte sich sofort zu ihm. „Was hast du vor?“ „Solange ich die Lage nicht vor Ort gesehen habe, kann ich nichts sagen.“

Michel packte Andreas am Arm. „Ich habe die Veste einmal gesehen. Sie erhebt sich wie eine steinerne Krone über Franken. Dort gibt es viele Wächter und ebenso viele Spione.“

Andreas löste Michels Hand mit einer sanften, aber bestimmten Bewegung von seinem Arm.

„Was willst du dort tun?“, fragte Michel. „Ich werde nicht nur zusehen.“ Andreas griff nach dem alten Stoffsack neben sich. Zwischen einigen Stofffetzen, trockenen Brotkrumen und abgenutzten Schnüren berührten seine Finger ein kleines Holzkreuz. Er nahm es heraus und legte es in seine Handfläche. Das Rot der Glut wanderte über seine rissige Oberfläche. Mit dem Daumen strich er über das raue Holz.

Er betete nicht und bewegte auch seine Lippen nicht.

Er schob das Kreuz auf den Grund des Sacks. „Dort kennt mich niemand“, sagte er. „Es wird Menschen geben, die an den Hinrichtungen Anstoß nehmen. Es wird Menschen geben, die aus Angst schweigen. Vielleicht können wir einige Männer auf unsere Seite ziehen. Vielleicht öffnet sich eine Tür.“

Michel schüttelte den Kopf. „Vielleicht fangen sie dich auch an dieser Tür.“ „Auch das ist möglich.“ „Ich lasse dich nicht allein gehen.“ Andreas blickte sich um. Die Männer waren müde, hungrig und unentschlossen. Einige wichen seinem Blick aus. Andere warteten auf seine Entscheidung.

„Zwei Männer genügen“, sagte er. „Anton und Simon.“ „Sie halten Wache.“ „Lass sie ablösen. Sie sollen sich rasieren und waschen. Die Wächter am Tor sollen uns nicht schon an unserem Geruch erkennen.“

Michel zögerte. „Ich wäre gern mit dir gegangen.“ „Bleib du hier. Dann muss ich nicht mit Sorge zurückblicken.“ Andreas band den Sack zu und reichte ihn Michel. „Behalte ihn bei dir.“ Michel nahm den Sack, senkte den Kopf und ging in die Dunkelheit. Als Anton und Simon bereit waren, stand auch das letzte Licht der Glut kurz vor dem Erlöschen. Sie hatten sich hastig rasiert und ihre Hemden im Bach gewaschen. Dennoch haftete ihnen der Geruch des Waldes, des Rauchs und des Lebens auf der Flucht an.

Andreas blickte zu den wenigen Sternen hinauf, die zwischen den Kiefernzweigen zu sehen waren. Er hob den Wasserschlauch vom Boden auf und hängte ihn sich über die Schulter.

Keiner der Männer am Feuer hielt ihn auf. Christian trat schweigend zur Seite.

Andreas blickte nicht zurück. Gemeinsam mit Anton und Simon ging er in die Dunkelheit hinein.

04 Kapitel 4 Lesen · Hören +
Kapitel 4 · Deutsche Frauenstimme
Bereit zum Vorlesen.

Coburg, 10 Juni 1525 Die Samstagssonne hatte die Steine Coburgs schon früh erhitzt. Die Hitze, die bereits zu Beginn des Tages drückend geworden war, hatte sich zusammen mit der Stille der nahenden Tode über die Stadt gelegt.

Entlang des Weges, der von der Veste hinabführte, hatten sich die Soldaten zu beiden Seiten aufgestellt und zwangen die Menschen, die in die Stadt wollten, durch schmale Durchgänge. Der Stoff von Zingaras rotem Mieder klebte ihr schweißnass am Rücken.

In der Menge entdeckte sie den langhaarigen Peter. In seinem geflickten langen Überrock ging er mit gesenktem Kopf und schweren Schritten voran. Zingara beschleunigte ihre Schritte und schob sich zu ihm.

„Sei gegrüßt.“ Peter wandte den Kopf. Einen Augenblick lang sah er sie an. „Du bist Zingara.“ „Und du bist Hans’ Bruder. Meine Mutter hat es mir erzählt.“ Peter antwortete mit einer knappen Kopfbewegung. Auf seinem Gesicht lag eine Blässe, die nicht zu seiner Jugend passte. Seine Augen lächelten nicht. Er wirkte, als hätte er bereits etwas gesehen, das er nicht hätte sehen dürfen.

„Manchmal sehe ich dich“, sagte er. „Du gehst in der Residenz des Kurfürsten ein und aus.“

„Ja. Ich diene den Adligen.“ „Du hast Glück.“ „Warum?“ „Wenigstens hast du einen Grund, auf der Burg zu bleiben.“ Zingara sah ihn an. „Hast du keinen?“ Peter richtete den Blick wieder nach vorn. „Noch nicht.“ „Ich dachte, du wärst wie Hans ein Soldat. Du bist immer unter ihnen.“

„Ich will Hans auf der Burg nicht in Schwierigkeiten bringen.“ Für einen Moment schwiegen sie. Einer der Soldaten brüllte und drängte die Menge auf den schmalen Durchgang zu.

„Gehst du in die Stadt?“, fragte Zingara. „Alle gehen dorthin.“ „Um den Hinrichtungen zuzusehen?“ Peter ging eine Weile weiter, ohne zu antworten. „Ich weiß es nicht“, sagte er schließlich. „Ich weiß, dass ich nicht hingehen sollte. Trotzdem gehe ich.“ „Ich gehe auch“, sagte Zingara. Peters Blick ruhte einen kurzen Augenblick auf ihrem Gesicht. „Es könnte dir nicht gefallen, zuzusehen, wie man sie hängt.“ Zingara antwortete nicht. Gemeinsam betraten sie die Stadt durch das Spitaltor. Die Soldaten hatten die Mitte der Straße freigehalten und die Menschen in die schmalen Bereiche zu beiden Seiten gedrängt. Das Steinpflaster brannte unter der Sonne wie Feuer, und ein dumpfes Stimmengewirr erfüllte den Marktplatz. Neugieriges Flüstern, Weinen und Gebete vermischten sich mit den Rufen der Frauen, die ihre Kinder an den Armen hinter sich herzerrten.

Zingara hatte die Stadt, in der sie geboren und aufgewachsen war, noch nie so überfüllt gesehen. Es schien, als wäre an diesem Morgen ganz Coburg auf den Marktplatz geströmt.

In der Nähe des Schafotts stand ein prunkvoller Sessel, der für den Kurfürsten vorbereitet worden war. An einer Stange hinter dem Sessel flatterte das Banner Sachsens.

„Hängt diese Feinde Gottes!“, schrie ein Bauer und drängte nach vorn, während unmittelbar neben ihm ein anderer Mann versuchte, sich durch die Menge zu kämpfen.

„Lasst mich durch! Lasst mich meinen Bruder ein letztes Mal sehen!“ Zwischen den beiden eingeklemmt, versuchte Zingara zurückzuweichen und den Stößen der Ellbogen und Schultern auszuweichen.

Mit ihren Schwertern und Speeren bildeten die Soldaten vor der Menge eine unüberwindliche Mauer. Als die erste Gruppe von Gefangenen mit gefesselten Händen auf den Platz gebracht wurde, drängten deren Angehörige gegen die Reihe der Soldaten. Schreie erhoben sich. Frauen und Männer prallten gegen die waagerecht gehaltenen Speere.

Die Soldaten stießen die Menge zurück. Einige Kinder begannen vor Angst zu weinen.

In dem Tumult verlor Zingara Peter aus den Augen. Während die Gefangenen unter den Galgen warten mussten, ging Pfarrer Balthasar zwischen ihnen umher. Zu manchen sprach er einige Worte, bei anderen betete er schweigend. Bisweilen hielt er ihnen das Kreuz in seiner Hand hin, bisweilen neigte er nur den Kopf. Seine Worte waren aus der Entfernung nicht zu verstehen, doch die Müdigkeit in seinem Gesicht war deutlich zu erkennen.

Als die Soldaten plötzlich in Bewegung gerieten, kündigte dies die Ankunft des Kurfürsten und der Richter an.

Kurfürst Johann der Beständige ritt auf seinem weißen Pferd durch das Spitaltor. Hinter ihm folgten die Richter und sein Gefolge. Die Menschen vor dem Stadttor sanken auf die Knie. Als der Kurfürst auf den Marktplatz zuritt, versuchten einige Frauen, sich vor die Pferde zu werfen.

„Mein Mann ist unschuldig!“ „Begnadigt meinen Vater!“ „Euer Gnaden, er ist mein einziger Sohn!“ Die Soldaten packten die Frauen und zerrten sie aus dem Weg. Der Kurfürst wandte nicht einmal den Kopf. Die Unruhe auf dem Platz hielt an, bis er sich auf den prunkvollen Sessel setzte, den Bürgermeister Georg Goldschmied hatte aufstellen lassen. Georg reichte ihm zunächst ein Leinentuch und anschließend einen Becher. Der Kurfürst wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht, legte seinen pelzbesetzten Umhang über die Lehne des Sessels und nahm einen langen Schluck aus dem Becher.

Die Richter nahmen ihre Plätze ein. Einer von ihnen öffnete eine Schriftrolle, die er aus einer Lederhülle gezogen hatte, und begann mit lauter Stimme vorzulesen:

„Mit Zustimmung unseres gnädigen Herrn Johann des Beständigen, Erzmarschalls des Heiligen Römischen Reiches, Kurfürsten von Sachsen, Landgrafen von Thüringen und Markgrafen von Meißen, sind dreiundsechzig Personen, die vom Richterkollegium des Aufruhrs und des Verrats für schuldig befunden wurden, zum Tode verurteilt worden. Die Hinrichtungen werden am 10. Juni 1525 beginnen.“

Ein tiefes Murren erhob sich aus der Menge. Die Soldaten drehten ihre Speere quer und drängten das Volk erneut zurück.

Der Scharfrichter und seine vier Gehilfen bestiegen das Schafott. Jeder der Gehilfen nahm unter einem der Galgen seinen Platz ein.

Der Richter las den Namen des ersten Gefangenen von der Liste: „Jörg Preyl, Müller aus Eysfeld!“ Anschließend verlas er drei weitere Namen. Die vier Gefangenen wurden mit auf dem Rücken gefesselten Händen zwischen den Soldaten die Stufen hinaufgeführt. Jeder von ihnen wurde auf einen der Schemel unter den Schlingen gestellt. Die vier Gehilfen zogen ihnen weiße Säcke über die Köpfe und legten ihnen die Stricke um den Hals.

Jörg versuchte zurückzuweichen. Einer der Gehilfen packte ihn an den Schultern, während ein Soldat seinen Arm festhielt. Der weiße Sack wurde ihm gewaltsam über den Kopf gezogen.

Der Platz wurde mit einem Mal so still, dass selbst das Schluchzen eines Kindes in der Ferne zu hören war.

Die vier Gefangenen warteten nebeneinander auf den Schemeln. Nur Jörgs Beine zitterten. Der Mann zu seiner Rechten hatte den Kopf gesenkt und betete, die beiden anderen standen reglos da.

Der Scharfrichter überprüfte die Schlingen ein letztes Mal. Dann trat er einige Schritte zurück und hob die Hand.

In dem Augenblick, in dem seine Hand niederging, stießen die vier Gehilfen gleichzeitig die Schemel fort.

Alle vier Stricke spannten sich mit einem Ruck. Die Körper zuckten gleichzeitig. Jörg krampfte sich mehrmals zusammen. Die Füße eines der Männer neben ihm strampelten in der Luft. Dann begannen alle vier, sich langsam am Ende der Stricke zu drehen.

Die Menge stöhnte tief auf wie ein einziger Leib. Zingara stellte sich auf die Zehenspitzen und sah über die Schultern von Andreas und Simon, die vor ihr standen, Jörgs am Strick schwingenden Körper.

Ihre Hand fuhr wie von selbst zu ihrem Mund. Der Atem blieb ihr in der Kehle stecken.

Sie wandte sich ab und versuchte, sich aus der Menge zu drängen. Doch niemand machte ihr Platz. Ellbogen, Schultern, Schweißgeruch und das Weinen der Menschen drangen von allen Seiten auf sie ein.

Mit Mühe gelangte Zingara aus der Menge und flüchtete sich in den Schatten des Spitaltors. Als sie sich gegen die heiße Steinmauer lehnte, zitterten ihre Knie. Ihr war, als müsse sie sich übergeben.

Sie schloss die Augen. Doch Jörgs am Strick schwingender Körper verschwand nicht. „Hätte ich doch auf meine Mutter gehört“, murmelte sie. Bei dem Gedanken, dass die Hinrichtungen bis Dienstag dauern würden, wurde ihr erneut übel. Sie schwor sich, sich dem Marktplatz nicht wieder zu nähern, bevor alles vorüber war.

Als sie zur Burg zurückkehrte, fand sie Christina in einer Ecke des Hofes im Gespräch mit einigen alten Frauen. Christina rief sie sofort zu sich. Zingara senkte den Kopf und ging auf sie zu, als hätte sie jeden Tadel verdient.

Doch Christina war an diesem Tag guter Dinge. „Bring diese Eimer in die Waschküche“, sagte sie nur. Zingara nahm die Eimer. Als die eisernen Henkel gegeneinanderschlugen, bemerkte sie, dass ihre Hände noch immer zitterten. Christinas Stimme schien aus weiter Ferne zu ihr zu dringen.

Ohne ein Wort ging sie davon. In jener Nacht fand Zingara keinen Schlaf. Wohin sie sich auch drehte, sah sie die zuckenden Beine des Müllers Jörg am Strick. In ihren Albträumen fiel Jörgs lebloser Körper in ihren Schoß.

Mehrmals fuhr sie erschrocken aus dem Schlaf. Immer wieder betete sie zu Gott, der Morgen möge endlich anbrechen.

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Kapitel 5 · Deutsche Frauenstimme
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Die Morgendämmerung senkte sich wie ein grauer Dunst über den Burghof.

Die Feuchtigkeit, die sich während der Nacht in den Steinmauern festgesetzt hatte, stieg im ersten Licht des Morgens langsam empor. Die Steine des Hofes waren noch kalt. Die eisernen Henkel der Eimer schmerzten in Zingaras Handflächen. Doch noch immer sah sie den Strick vor sich, der sich am Vortag auf dem Marktplatz um Jörgs Hals gespannt hatte.

Als sie die Tür der Waschküche öffnete, schlugen ihr Dampf und der Geruch von Seife entgegen. Das Feuer unter den Kesseln knisterte, und über den nassen Steinboden rann das Wasser in dünnen Strömen.

Die Frauen schwiegen. Jede war über ihren eigenen Waschtrog gebeugt, schrubbte die Wäsche, wrang sie aus und drückte sie wieder ins Wasser. Niemand sprach von den Hinrichtungen.

An diesem Morgen war das Wort aus den Mündern gewichen und in die Hände übergegangen, die an den Waschtrögen arbeiteten.

Durch die offene Tür sah Zingara Christina auf der anderen Seite des Hofes stehen. Die Lippen der alten Frau bewegten sich, doch ihre Stimme war nicht zu hören. Zingara konnte nicht erkennen, ob es ein Gebet war oder eine Gewohnheit aus langen Jahren.

Sie wandte den Kopf ab. Sie ließ das weiße Laken in das Wasser sinken. Langsam entfaltete sich der Stoff im Trog. Mit beiden Händen drückte sie ihn hinunter. Das Wasser wölbte sich, kleine Luftblasen stiegen an die Oberfläche und zerplatzten sofort.

Für einen Augenblick hielten ihre Finger inne. Das Weiß des Lakens führte ihr den Sack vor Augen, den man am Vortag dem Müller Jörg über den Kopf gezogen hatte.

Zingara hielt den Atem an. Sie wollte die Hände aus dem Wasser ziehen, doch sie konnte es nicht. Ihre Finger schlossen sich noch fester um den Stoff.

Sie sah die Frau neben sich nicht an. Sie hob das Laken an und versuchte, es auszuwringen. Der Stoff zerknitterte zwischen ihren Handflächen. Ihre Hände zitterten; sie konnte das Wasser nicht richtig herauswringen. Tropfen liefen aus dem Stoff und fielen auf den Steinboden.

In der Stille dieses Morgens war jeder einzelne Tropfen zu hören. Ein kühler Wind drang vom Hof herein. Der Dampf über den Kesseln zerstreute sich. In der Ferne weinte ein Kind; ein kurzer, dünner, verängstigter Laut.

Dann verstummte es. Die Frauen arbeiteten weiter. Keine von ihnen hob den Kopf. Zingara sprach den ganzen Vormittag kein einziges Wort. Sie ließ das Laken wieder in den Trog sinken. Ihre Finger zitterten noch immer.

ZINGARA

Während der Krieg trennt,
finden zwei Menschen einander.

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