DOKUMENTARISCHER META-ROMAN · COBURG

ZINGARACOBURG

22 Jahre verborgen

Kann eine vom Autor geschaffene Figur im wirklichen Leben neu geboren werden?

Azads Weg beginnt in Reutlingen: Helens Blick ruft in ihm Inanna wach und setzt den Roman Mad in Bewegung. Über Hannover führt die Reise nach Coburg, wo Schreiben, Migration, Liebe und gelebte Wirklichkeit immer enger ineinandergreifen.

Das Buch erklärt gleich zu Beginn, dass die geschilderten Erlebnisse tatsächlich stattgefunden haben; die Namen realer Personen wurden aus nachvollziehbaren Gründen verändert.

Erinnerung · Migration · Schreiben · Liebe · Freiheit · Coburg
Buchcover Zingara Coburg
M. Mehmet Ünver
Vorwort am Anfang des Buches

M. Mehmet
Ünver

Coburg · 12.12.2004

„Auf der Welt gibt es alles – es fehlt nur eines: Zingara.“

Das Vorwort beschreibt das ungelöste Problem eines einzelnen Menschen als ein Problem der gesamten Menschheit. Zingara erscheint darin nicht nur als Romanfigur, sondern als fehlende Farbe des Ganzen und als Prüfstein der Zivilisation.

Der Autor dankt ausdrücklich Nihal Olgun, Serhat Yalçın und allen, die zur Veröffentlichung beigetragen haben.

Unmittelbar danach wird erklärt, dass die geschilderten Ereignisse erlebt, bezeugt und festgehalten wurden und nur die Namen der realen Personen geändert worden sind.

„Aus vielen berechtigten Sorgen und Gründen wurde dieser Roman 22 Jahre lang verborgen gehalten – doch nun ist die Zeit gekommen, ihn ans Licht der Welt zu bringen.“

Hervorgehobene Leserstimme

Nihal
Olgun

„Zingara Coburg ist eine gelungene Arbeit, die ein schönes Beispiel für die Form der reflektierenden Erinnerung sein kann.“

Nihal Olgun · 30.06.2025
In ihrer Besprechung betont sie, dass der Entstehungsprozess des Buches parallel zur Lebensgeschichte des Autors verläuft und Erlebnisse mit den daraus entstehenden Gefühlen verbindet. · Aus dem Türkischen übertragen.
Über den Roman

Ein Roman
über die Geburt
eines Romans

Das erste Kapitel beginnt in Reutlingen. Azad arbeitet in einem Imbiss und beobachtet Helen in der Bäckerei gegenüber. In ihr erkennt er die Augen der sumerischen Göttin Inanna wieder; aus dieser Begegnung wächst der Impuls, Mad zu schreiben.

Gleichzeitig trägt Azad die alltäglichen Sorgen von Migranten und Geflüchteten mit: Briefe, Behörden, Übersetzungen, Schule, Geld und politische Verantwortung. Zwischen diesen Erwartungen versucht er, wieder einfach Azad und Schriftsteller zu sein.

Nach dem Newroz in Hannover führt ihn die Reise nach Coburg. Sofi, Ali, Şengül und die kleine Stadt werden zu einer neuen Bühne, auf der sich gelebte Wirklichkeit und literarische Vorstellung gegenseitig verändern.

01

Schreiben und Identität

Azad versucht, sich von den Rollen zu lösen, die andere ihm zuweisen, und seine Identität als Schriftsteller zurückzugewinnen.

02

Wirklichkeit und Roman

Mad, Inanna und die Idee Zingara treten in einen Dialog mit dem Alltag; Leben und Literatur beginnen, einander zu schreiben.

03

Migration und Freiheit

Zwischen Reutlingen, Hannover und Coburg treffen Solidarität, politische Vergangenheit und der Wunsch nach individueller Freiheit aufeinander.

Leseprobe · Vorlesefunktion

Lesen und hören Sie die ersten fünf Kapitel von Zingara Coburg.

Die ersten fünf Kapitel stehen hier als vollständiger Webtext aus der deutschen Leseprobe. Sie können jedes Kapitel öffnen oder mit einer deutschen Frauenstimme vorlesen lassen.

Als PDF lesen
Buchcover Zingara Coburg
01 Kapitel 1 Lesen · Hören +
Kapitel 1 · Deutsche Frauenstimme
Bereit zum Vorlesen.

Für einen Schriftsteller ist jedes Erlebnis der Moment, in dem sich Vergangenheit und Zukunft kreuzen.

Azad wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Während er das Fleisch vom Spieß schnitt, versuchte er trotz seines hinkenden Beins, das Gleichgewicht hinter der Theke zu halten. Seine Augen jedoch glitten immer wieder zum gegenüberliegenden Bäckerladen. Von dort drang ein warmes Licht in die abendliche Kühle und legte einen sanften Schimmer auf die Scheiben. Hinter den breiten Glasfronten stand Helen an der Kasse und bediente die Kundschaft; ihr Haar war hinten zusammengebunden, eine Strähne fiel ihr schräg über die Stirn. Selbst in dieser schlichten Erscheinung ließ ihr Anblick Azads Herz schneller schlagen. In ihr erkannte er die sumerische Göttin Inanna wieder, die er einst unter der Tanne am Abzu gesehen hatte.

Den Tag, an dem er Helen zum ersten Mal gesehen hatte, vergaß er nicht. Im strömenden Regen war sie aus der Bäckerei gelaufen und direkt in den Imbiss geeilt. Tropfen rannen ihr vom Haar, doch mit fröhlicher Stimme hatte sie gesagt:

„Hallo!“ Ihre Stimme hallte an den kühlen Wänden wider und klang für Azad so betörend wie die Flötentöne von Mad.

„Ich bin Helen. Ich habe gerade drüben in der Bäckerei angefangen,“ sagte sie, von aufgeregter Lebendigkeit erfüllt.

„Freut mich. Ich bin Azad.“ Helens Blick hatte den düsteren Raum erhellt wie das Licht, das hinter einem Berg hervorbricht. Dieser winzige Augenblick war Azad wie ein ganzes Jahrhundert erschienen. Das Gespräch war kurz, doch es genügte, seine Welt zu verwandeln.

„Was möchtest du?“ fragte er nach einer Pause. Helen deutete mit der Hand: „Von dem Salat, bitte.“ „Möchtest du auch Soße dazu?“ „Ja, gern.“ Während er den Salat anrichtete, dachte Azad: „Möge dieser Augenblick nicht enden.“ Als er ihr den Teller reichte, fragte er, nur um das Gespräch zu verlängern:

„Noch etwas?“ „Nein.“ Helen bezahlte, bedankte sich und verschwand wieder hinaus in den Regen, zurück in die Bäckerei.

Dass alles so schnell endete, schmerzte Azad. Sein Herz lastete schwer unter den ungesagten Worten. Es mochte Wahnsinn sein, doch in seinem Innersten war er überzeugt: Sie waren zwei alte Seelen, die sich in neuen Körpern begegneten.

Einmal fiel einem Kunden an der Kasse das Geld zu Boden. Helen eilte um die Theke, hob die Münzen auf und gab sie zurück. Als sie sich umdrehte, trafen ihre Augen unvermittelt Azads Blick, der sie beobachtet hatte. Was ihr Gesichtsausdruck in diesem Moment verriet, konnte er aus der Ferne nicht deuten: War sie überrascht, verärgert – oder hatte sie gar gelächelt? Er wusste es nicht. Seine einzige Erleichterung war, dass Helen nicht wütend den Imbiss betreten hatte, um ihn zur Rede zu stellen. Azad fühlte sich ertappt, errötete und senkte den Blick auf den Pizzateig in seinen Händen.

Von da an glaubte er, Helen spüre seine Blicke, und schämte sich. Dass sie den Blick absichtlich nicht in Richtung des Imbisses wandte, erschien ihm wie ein stummer Vorwurf. Manchmal stellte er sich ein Gespräch mit ihr vor, in dem er sich verteidigte:

„Versteh mich nicht falsch! Ich schaue nur, weil du die Augen Inannas trägst, nach denen ich mich seit Jahren sehne.“

Seine Gefühle waren zu stark, um sie zu verschweigen. Azad begann zu schreiben. Der einzige Ort, an den er mit seinen Empfindungen fliehen konnte, war der Roman. In ein Notizbuch bannte er die Geschichte von Mad und Inanna – und schrieb dabei in Wahrheit seine eigenen geheimen Gefühle nieder.

02 Kapitel 2 Lesen · Hören +
Kapitel 2 · Deutsche Frauenstimme
Bereit zum Vorlesen.

Wenn Azad allein war, konnte ihn ein flüchtiges Lächeln Helens unter dem Licht der Bäckerei für einen Moment von seiner Last befreien. Doch jedes Mal, wenn die Tür des Imbisses aufging, drang von draußen das Gewicht eines neuen Lebens herein: die endlosen Sorgen der Migranten und Geflüchteten.

Selbst wenn die Telefone des Vereins endlich schwiegen, fand sein Geist keine Ruhe. Die Menschen wollten, dass er Übersetzer, Vermittler, Vorsitzender war – doch niemand erlaubte ihm, einfach nur Azad zu sein. Es war, als stünde er im Tempel des Dorfes Arge; doch diesmal war die Priesterin Ram nicht da. Die Menschen kamen zu ihm, als könne er Wunder wirken.

Schon in der Schulzeit hatten seine Freunde in die Poesiealben geschrieben: „Eines Tages wirst du unser Imam sein!“ Seine Lehrer hatten ihn „Großer Mann“ genannt. Und die Naqschibandi-Scheichs hatten ihn mit den Worten motiviert: „Dein Stern wird hell leuchten, du wirst sehr berühmt werden.“ Damals hatte die Vergöttlichung begonnen – das endlose Geben, immer für andere.

Doch die Tage waren eintönig und schwer geworden. Jedes Mal, wenn ihm die Worte der Menschen im Kopf widerhallten, verlor er die Freude an seiner Arbeit:

„Azad, wie sollen wir das schaffen?“ „Gut, dass du hier bist.“ „Du kannst es, wir vertrauen dir.“ „Wenn wir das System bekämpfen, dürfen wir nicht Gefangene von Frau und Kindern sein.“

„Eine verlorene Schlacht bedeutet nicht, dass alle Schlachten verloren sind!“

Mit seinem hinkenden Bein schritt Azad im engen Korridor des Imbisses hin und her, und ebenso hetzte sein Geist von einer Seite zur anderen. „Wann endlich werden sie ‚Genug‘ sagen?“ fragte er sich. Die Menschen wurden ehrgeiziger, wenn sie verloren, und gieriger, wenn sie gewannen. Von nun an waren sowohl Sieg als auch Niederlage zu Tempeln geworden.

Er legte den Kopf in die Hände und murmelte: „Vielleicht sollte ich alles hinter mir lassen, irgendwohin gehen, wo mich niemand findet. Ich muss mich selbst wiederfinden, frei werden. Aber wie soll ich gehen, wenn ich hier nicht einmal Zeit zum Träumen habe? Und doch… einfach alles halbfertig zurücklassen – das passt nicht zu mir.“

Sogleich lachte er bitter auf: „Selbst im Fortgehen will ich noch alle zufriedenstellen.“ Seine aufgewühlten Gedanken packten ihn überall. „Was zieht mich immer wieder in diesen Strudel einer tempelgläubigen Gesellschaft? Wie viele Tempel habe ich schon hinter mir gelassen, und doch muss ich auch von diesem loskommen. Selbst Mads Dorf Arge war freier als hier. Zwölf Jahre habe ich diesen Menschen gegeben. Ein Zuhause gegründet, es wieder zerstört. In Zellen gesessen…“

Reutlingen erinnerte ihn an das düstere Uruk, aus dem die Sklaven zu fliehen suchten. Der Imbiss war sein einziger Zufluchtsort. Trotz des dröhnenden Ventilators, trotz des Geruchs von Döner und Fett, der selbst im Winter durch die offene Tür drang, war dieser kühle Raum seit Langem sein einziger Ort zum Atmen. Doch auch hier ließen ihn die Menschen nicht in Ruhe. Nur der Blick auf Helen in der Bäckerei gegenüber konnte sein Herz beruhigen.

„Hier kann ich nicht bleiben, ich muss weg,“ dachte er. Doch gleich darauf kam der schmerzliche Gedanke: „Ach, wäre ich nur nicht ich selbst! Dann könnte ich mein ganzes Leben lang Helen an der Kasse der Bäckerei betrachten.“

Er hatte Inanna gefunden – und stand doch kurz davor, sie wieder zu verlieren. So wie einst Mad verzweifelt zusah, wie die gerettete Inanna zu ihrem alten Geliebten Tammuz zurückkehrte.

Wie schön wäre es, könnte er Helen mitnehmen. „Wäre sie doch ein Mondlicht, das man nicht berühren kann, sondern nur anschaut, und dabei das Herz mit Frieden füllt!“ Doch das war nicht mehr als ein wilder Traum.

Wenn er ohne Abschied ginge, würden so viele Menschen mit gebrochenem Herzen zurückbleiben – und dennoch dachte er nur an Helen. Doch in Wahrheit waren sie Fremde füreinander. Er wusste genau, dass Helen ihm höchstens ein schlichtes „Leb wohl“ schenken würde.

Schließlich fasste er einen Entschluss: Den Roman über Mad und Inanna würde er vollenden – und Helen schenken. Manchmal kam ihm dieser Gedanke verrückt vor. „Und wenn sie verheiratet ist? Wenn ihr Mann zornig wird?“ Doch dann sagte er sich: „Egal, was geschieht!“

03 Kapitel 3 Lesen · Hören +
Kapitel 3 · Deutsche Frauenstimme
Bereit zum Vorlesen.

Als Azad gerade die Fettspritzer an der Vorderseite des Dönerspießes abwischte, betrat Mustafa aus Mardin den Imbiss. Er grüßte an der Tür und kam dann direkt zu Azad, um ihm die Hand zu geben.

„Azad, wie geht es dir?“ „Danke, Mustafa, mir geht es gut. Und dir?“ „Auch gut. Ich habe einen Brief vom Anwalt bekommen. Lies mal bitte, was darin steht. Ich habe ihn schon anderen gezeigt, aber niemand hat ihn richtig verstanden.“

Aus der Innentasche seiner Jacke zog er ein viermal gefaltetes Blatt und reichte es Azad.

Mustafa war nur einer von Millionen Kurden, deren Dörfer niedergebrannt und deren Häuser zerstört worden waren. Mit seinen Kindern war er über Schlepperwege nach Deutschland gekommen, und seit vier Jahren lebte er weder hier noch dort – jeden Tag in Angst vor der Abschiebung.

Azad las den Brief sorgfältig und erklärte dann den Inhalt: „Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat deinen Asylantrag vor einer Woche abgelehnt. Der Anwalt schreibt, dass er für den Widerspruch neue Beweise braucht. Du musst dringend einen Termin vereinbaren und deine Verteidigung vorbereiten.“

Mustafas sorgenvoller Blick verdüsterte sich noch mehr. „Kannst du für mich anrufen und einen Termin machen?“ „Morgen früh rufe ich an.“ „Und du kommst auch zum Dolmetschen, oder?“ „Ich nehme den Termin für Mittwochfrüh, vor der Öffnung des Imbisses. Dann schaffen wir das.“

„Danke dir. Ohne dich wäre ich verloren…“ „Kein Problem. Falls du neue Beweise hast, bring sie bitte auch mit.“ „Mache ich. Morgen bringe ich alles vorbei.“ „Setz dich, ich gebe dir etwas.“ „Nein, danke. Ich will dich nicht von der Arbeit abhalten.“ „Das macht nichts.“ „Ehrlich, ich habe keinen Hunger.“ „Gut, dann sehen wir uns morgen.“ Mustafa faltete den Brief wieder zusammen und steckte ihn in seine Jackentasche, doch seine Hände zitterten dabei. Azad konnte sich gut vorstellen, welche Gedanken ihm durch den Kopf gingen.

Als Mustafa mit einem düsteren Gesicht den Imbiss verließ, begegnete er an der Tür dem alten Ahmet Dayî. Sie grüßten sich im Türrahmen, wechselten ein paar Worte, und Ahmet Dayî sagte: „Warte draußen, ich komme gleich.“ Dann eilte er herein, grüßte Azad und begann sofort:

„Morgen will ich das Kind in der Schule anmelden. Ich habe viele gefragt, aber niemand hat Zeit. Wenn du kommen könntest, wäre das gut.“

„Um wie viel Uhr?“ fragte Azad. „Um acht. In der Schule hinter dem Rathaus.“ „Gut, morgen früh treffen wir uns dort.“ „Danke dir.“ Nach einem kurzen Schweigen beugte sich Ahmet Dayî näher zu Azad und flüsterte:

„Kannst du mir ein wenig Geld leihen? Ich will es in die Heimat schicken.“

Azad drückte die Taste der Kasse; mit einem lauten Knall sprang sie auf. Er zählte das Geld ab und reichte es ihm.

„Reicht das?“ „Ja, ich bringe es Anfang des Monats zurück.“ „Keine Eile, Ahmet Dayî.“ Als er das Geld in die Tasche steckte, bot Azad ihm an: „Setz dich, trink etwas.“ Doch Ahmet Dayî deutete nach draußen auf den wartenden Mustafa:

„Danke, ein anderes Mal. Mustafa wartet.“ Dann ging er hinaus. Nun war Azad allein und verfiel wieder in tiefes Nachdenken über das Schreiben seines Romans.

Die Wahrheit war: Die Menschen erwarteten von ihm, dass er ein guter Vater, ein guter Ehemann, ein guter Freund, ja ein pflichtbewusster Bürger sei – doch niemand erwartete von ihm, einfach „Azad“ zu sein und einen Roman zu schreiben.

Wozu auch? Migranten in der Diaspora, die dringend rechtliche Unterstützung, einen Arzttermin, Schulhilfe oder einen Dolmetscher brauchten – was hatten sie mit Romanen zu tun? Menschen, die entwurzelt und vom Unglück verfolgt waren, sollten welchen Roman lesen? Ihr Leben war doch selbst schon ein Roman.

Ihre Erwartungen waren schlicht: Azad sollte ohne Grenzen dienen. Der Erfolg dieser Dienste war sofort sichtbar. Doch ein Roman – wem sollte er nützen?

Die Menschen reichten nicht nur nach der Hand, die Gott ihnen ausgestreckt hatte – sie verlangten auch nach seinem Besitz. Mit einer List, wie sie nur dem Gott Enki eigen war, zwangen sie Azad, so zu leben wie sie selbst. Im Grunde, so meinten sie, musste Azad ein Gefangener des Respekts sein, den er durch seinen Dienst gewann. „Lehren nicht alle Tempel genau das? Hat nicht auch Azad jahrelang daran geglaubt? Warum also jetzt der Spielverderber?“

Helen jedoch hatte, ohne es zu wissen, ein verborgenes Potenzial in ihm geweckt und in Bewegung gesetzt. Azad veränderte sich, begann, seine Vergangenheit unablässig zu hinterfragen. Je mehr er merkte, dass er sein altes Ich verlor, desto trauriger wurde er.

Ihm fielen die Gedichte, Bücher und Tagebücher seiner Kindheit ein. So jung er war, so wild war doch schon die Vergangenheit hinter ihm – und so wild die Träume.

Der alte Azad, der hinkend um sein Leben kämpfte, hatte sich nie dieser Welt zugehörig gefühlt. Sein schwach wirkendes Leben war nicht dasselbe wie das, was man ihm aufzwingen wollte. Sein hinkendes Bein hatte ihn gelehrt, das Leben aus einer anderen Perspektive zu sehen. Er ging langsamer, bemerkte aber die Details schärfer.

Die Wahrheit, die er sah, war roher, schmerzhafter. Das sogenannte normale Leben war in Wahrheit ein feines Gewebe aus Lügen. Was geschrieben, erlebt, erzählt, ja selbst gestanden wurde, war nur Illusion. Doch niemanden kümmerte es. Teilhaber der großen Lüge zu sein, wurde als unvermeidliches Schicksal hingenommen.

Dabei reichte schon ein wenig Nachdenken über das gesellschaftliche Bild, um die Wahrheit zu erkennen! Menschen waren Feinde, Mörder ihrer eigenen Brüder. Für ihre Forderungen nach Rechten töteten sie einander. Blutige Aufstände gegen Despoten galten als selbstverständlich.

Doch in Azads von Tugend geprägter Welt hätte es nicht einmal ein lautes Wort gebraucht – eine Bitte hätte genügt.

Nun erinnerte sich Azad wieder daran, wer er war. Die verlorene Zeit konnte er nicht zurückholen, aber er konnte von hier an weitermachen. Er hatte erkannt: Die Gesellschaft, in der er lebte, war nicht normal. Also musste er einen Weg finden, aus dieser Falle herauszukommen. Für eine Wiedergeburt musste er so bald wie möglich fortgehen.

Seine innere Reise wurde jäh unterbrochen, als mitten in der Nacht sein Handy klingelte. Er richtete sich im Bett auf. Auf dem Display war keine Nummer zu sehen.

Er nahm neugierig ab – und hörte die Stimme von Kemal aus Urfa: „Azad Abi, ich hatte einen Unfall. Ich bin im Krankenhaus. Ich verstehe nicht, was die Ärzte sagen…“ „Welches Krankenhaus?“ „In Reutlingen.“ „Gut, in einer halben Stunde bin ich da.“ Und Azad wusste wieder einmal: Diese Stadt würde ihm niemals Luft zum Atmen lassen.

04 Kapitel 4 Lesen · Hören +
Kapitel 4 · Deutsche Frauenstimme
Bereit zum Vorlesen.

Azad studierte die Geschichte, Mythologie und Glaubenswelt der Sumerer. Er sammelte Informationen aus dem Internet und besuchte, wann immer er konnte, die Stadtbibliothek. Tagsüber kümmerte er sich um Arbeit und Menschen, nachts jedoch verzichtete er auf Schlaf, um seinen Roman fertigzustellen.

Mit jedem geschriebenen Satz stellte er sich selbst zur Rede. Der kreative Prozess war voller Unklarheiten, und nur nach heftigen inneren Kämpfen und Momenten der Klarheit konnte er weiterschreiben. War Mad eine Romanfigur, die Azad erschaffen hatte – oder war Azad selbst die Figur des Romans? Es war nicht eindeutig. War es eine vorübergehende Verschmelzung mit dem Helden oder eine abnorme Bindung? Er wusste es nicht.

Es war, als fände er Trost darin, seinem Helden Dinge tun zu lassen, die er im wirklichen Leben nicht tun konnte. Doch wenn der Roman ein Fluchtweg aus einer Welt war, die er nicht verändern konnte – war die Lage umso ernster. Sich aus dem wirklichen Leben und den Verpflichtungen zu stehlen und in einer unerreichbaren Welt zu leben, konnte kein gesunder Zustand sein. Die Grenze der Fantasie zu überschreiten, konnte schwere Folgen haben.

Azad begriff, dass er den Roman bald beenden musste, um sich von Mad zu befreien; doch er sah noch keinen Grund, den Prozess zu unterbrechen. Solange er die Kontrolle behielt, wollte er Mad nicht loslassen.

Aber leicht war es nicht… Jeden Tag schrieb er, strich wieder durch, verbesserte, begann von Neuem. Sollte er seine eigenen Worte und Gefühle niederschreiben oder die von Mad? Er konnte sich nicht entscheiden. Mad schien zu drängen: „Das ist meine Geschichte! Schreibe nur meine Worte!“ Und wenn das so war – wo konnte Azad als Autor dann seine eigene Stimme finden?

Wenn Mad wirklich der Held war, musste er den Mut und die Ehr lichkeit aufbringen, dessen Worte aufzuschreiben. Er musste als Autor zur Seite treten und seinen Helden allein mit dem Leser sprechen lassen. Denn Mad musste frei sein. Zumindest diesen Respekt schuldete Azad seinem Helden.

So schrieb Azad, innerlich losgelöst von der Welt. Doch noch immer wusste er nicht, wie und mit welchen Worten er das Manuskript Helen geben sollte. Vielleicht war es besser, wenn alles geheim bliebe. Eine Stimme in ihm warnte: „Mach dir vor der Abreise keine zusätzliche Last!“ Eine andere Stimme sagte: „Wenn sie dich für deine Blicke verurteilt, bittest du wenigstens um Verzeihung.“

Schließlich bereitete Azad einen großen gelben Umschlag vor. Er legte das ausgedruckte Manuskript und einen Brief hinein.

Nun blieb die Frage: Wo und wie sollte er es Helen übergeben? Sollte er sie zu einem Kaffee einladen und es ihr danach aushändigen? Aber was, wenn Helen es falsch verstand und die Einladung ablehnte? Dann würde sie ihn meiden, vielleicht nie wieder ansehen. Was sollte Azad dann tun? Wie konnte er all das ertragen, wenn die Hoffnung auf einen schönen Abschied in ein Gefühl der Hölle umschlug?

“Liebe Helen,

Es kommt mir selbst seltsam vor, dir diese Zeilen zu geben. Vielleicht wirst du sie sinnlos finden; doch in mir gibt es einen Knoten, den ich nicht länger tragen kann. Wenn es dir nicht gefällt, bitte ich um Entschuldigung. Wenn du zornig wirst, wirf es ungeöffnet weg. Für mich genügt es schon, es überhaupt bis hierhin geschrieben zu haben.

Seit Monaten atmen wir dieselbe Stadtluft, und doch sind wir Fremde geblieben. Da ich bald diese Stadt verlassen werde, wollte ich diese Last hier zurücklassen. Vielleicht hast du bemerkt, dass ich dich manchmal ansah. Vielleicht hast du mir deshalb grollt. Aber diese Blicke kann ich nicht mitnehmen.

Alles in einem Brief zu erklären ist unmöglich. Deshalb habe ich mich in Mad’s Geschichte geflüchtet. Dieser Roman ist in Wahrheit mein Roman. Ich wollte ihn dir schenken. Ich hoffe, du wirst ihn lesen.

Ohne es zu ahnen, hast du einen sumerischen Priester nach fünftausend Jahren wieder zum Leben erweckt. Dafür bin ich dir dankbar.

Azad”

05 Kapitel 5 Lesen · Hören +
Kapitel 5 · Deutsche Frauenstimme
Bereit zum Vorlesen.

Unter der weißen Decke des Schnees waren die Straßen am letzten Tag des Jahres 2003 voller Menschen. Mit Geschenken in den Händen drängten sie sich aneinander vorbei. Auf ihren Gesichtern lag ein Lächeln – wie eine Hoffnung, die ins neue Jahr hinübergetragen werden sollte.

Am nächsten Tag würde ein neues Jahr beginnen, ein weiteres Stück Leben war vergangen. Doch die Menschen fanden trotzdem Gründe, sich zu freuen. Sie lächelten, trugen ihre Heiterkeit hinüber wie eine stille Hoffnung. So wie die Dorfbewohner von Mad es jedes Jahr wiederholten, ohne darüber nachzudenken, ohne nach dem Sinn zu fragen. Und doch war die Welt noch immer so schutzlos wie einst das Dorf von Mad.

Zu Mittag betrat Azad mit all seiner Kraft die Bäckerei, den geschlossenen Umschlag in der Hand. Diesmal war er nicht gekommen, um Kuchen zu kaufen – seine Absicht war eine andere. Als sein Blick die Theke nach Helen suchte und sie nicht fand, spürte er zugleich eine seltsame Erleichterung und die Leere der Enttäuschung. Er stellte sich hinter die Frau, die gerade bezahlte. Als er an der Reihe war, fragte die dicke, ältere Bäckerin Jutta von der anderen Seite des Tresens, was er wünsche.

Mit der Gewissheit, zum letzten Mal den Tempel der Göttin Inanna zu betreten, fragte er mit unsicherer, leiser Stimme:

„Ist Helen nicht da?“ Juttas erstauntes Gesicht zeigte, dass sie eine solche Frage nicht erwartet hatte. Mit einem offenen Lächeln antwortete sie: „Heute hat sie frei.“

Azad, seiner Zuversicht beraubt, flüsterte: „Ich wollte ihr nur ein kleines Geschenk dalassen. Wenn Sie es ihr geben, wäre ich dankbar.“

„Natürlich“, erwiderte Jutta und nahm den großen gelben Umschlag entgegen, den Azad über den Tresen reichte.

Von diesem Moment an gab es kein Zurück mehr. Er hatte etwas gewagt, wozu kaum jemand den Mut aufgebracht hätte. Ob Helen dazu bereit war, wusste er nicht. Welche Antwort sie geben würde, konnte er nicht erahnen. Dies würde kein vergänglicher Augenblick bleiben – es würde für Azad wie für Helen eine Erinnerung sein, die sie nie vergessen würden. Seine Beine zitterten, sein Herz schlug laut. Alles, was er wollte, war, sich umzudrehen und so schnell wie möglich hinauszugehen.

„Frohes neues Jahr!“, sagte er zu Jutta, wandte sich zur Tür und trat hinaus. Mit kindlicher Aufregung mischte er sich in die Menge, die zwischen Lichtern und Blumen geschmückten Straßen füllte.

Auf dem Stadtplatz erhob sich eine mystische Melodie, die die Zuhörer in die Vorzeit zurückzuversetzen schien. Die Quelle der Musik war im Gedränge nicht zu sehen. Azad kämpfte sich nach vorne und erblickte schließlich eine peruanische Gruppe, gekleidet in aztekischmayaische Trachten. Einer blies auf Panflöten, die von groß nach klein in Reihe gebunden waren.

Vor Azads Augen erschien plötzlich Mad mit seiner Flöte, der „Büyülüdil“. Es war, als höre er die uralten Klänge wieder, die er einst in Mads Dorf vernommen hatte. Ein anderer spielte auf einem zwei Meter langen Rohr aus Schilf, dessen kleines Mundstück er an den Lippen hatte, während das große, hohle Ende den Boden berührte. Ein Dritter ließ zwei gespannte Saiten schwingen, die an einem holzernen Gestell befestigt waren.

Eine Weile ließ sich Azad von der Melodie tragen, die in seinen Ohren wie Mads Flöte widerhallte. Dann lachte er leise, zog Münzen aus der Tasche und legte sie auf das Tuch vor der Gruppe. Mit dem Lächeln eines Menschen, der sich an eine schöne Erinnerung erinnert, setzte er seinen Weg fort.

Doch inmitten der Menge spürte er die Angst, Helen unerwartet zu begegnen. Sein Herz schlug schneller.

Als er vor der St. Marien-Kirche stand, blieb er stehen. Dieses Gotteshaus, seit über siebenhundertfünfzig Jahren das wertvollste und gepflegteste der Stadt, erhob sich vor ihm. Er hob den Kopf und betrachtete das gotische Bauwerk, dessen Dach mit lebensgroßen Figuren von Menschen und Tieren geschmückt war. Über dem Portal standen acht bärtige Heilige, in deren Mitte Christus thronte.

Plötzlich zogen schwarze Wolken über den Himmel. Der Platz leerte sich. Eine tiefe, unheimliche Stille legte sich über alles. Nur das Pfeifen des Windes war zu hören.

Von diesem Augenblick an existierten auf dem Platz nur noch die Kirche und er selbst. Stand Azad vor der Kirche – oder Mad? Es war nicht mehr zu unterscheiden. Es war, als wären sie in einem Körper verschmolzen.

Mad stand da, wie in jenen Zeiten, als er Priester war: mit der ledernen Kutte und dem glänzenden, durchbohrten Sternamulett, das ihm Ram beim Priesterweiheritual um den Hals gelegt hatte.

Die Statuen erwachten zum Leben. Sie drehten ihre Köpfe und richteten ihre Augen auf Mad. Einer hob warnend den Finger, ein anderer schwang seinen Stab.

Mad richtete den Blick auf Christus, der in der Mitte stand. Christus schlug das heilige Buch mit donnernder Wucht zu und rief mit der Stimme eines Donners:

„Verschwinde von hier!“ Mad wich nicht zurück, sondern hielt den Blick stand. Mit leiser Stimme murmelte er:

„Ich habe mich geirrt. Die Zeiten ändern sich, die Menschen ändern sich… Aber eure Tempel und eure Zauber bleiben immer die gleichen.“

Dann wandte er sich ab und ging. Azads Fuß hinkte, doch er passte seinen Schritt dem Rhythmus seiner Gefühle an.

Er tauchte zwischen den glänzenden Verkaufsständen in die dunklen Straßen der Stadt ein. Körperlich hinkte er, ging langsam – doch in seinem Inneren tobte ein Sturm. Die Stadt, die er zurückließ, war ein Tempel der Lügen; vor ihm lag ein unbekannter, aber wahrhaftigerer Weg.

Azad ging weiter – in dem Bewusstsein, dass jeder Schritt unwiderruflich war –, bis er in der Dunkelheit verschwand.

Zingara Coburg

Während der Roman entsteht,
wird auch das Leben neu geschrieben.

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