Freiheit
Der Mensch erkennt die Grenzen, die ihm gesetzt wurden, und beginnt, nach dem eigenen Willen zu suchen.
Wann wurde sich der Mensch seiner Freiheit zum ersten Mal bewusst?
Der Roman führt in eine ferne Vergangenheit, in der der Mensch der Natur, der Angst, der Macht und seinen eigenen Grenzen gegenübersteht. Es geht nicht allein ums Überleben, sondern um den Versuch, den eigenen Willen zu entdecken.
Von Arge bis Uruk verfolgt die Erzählung die Entstehung erster Städte, Glaubenswelten und gesellschaftlicher Ordnungen und fragt nach dem Preis der Freiheit, dem Gewicht des Gehorsams und dem Recht des Menschen, seinen eigenen Weg zu wählen.
MAD I · Der Freie Mensch führt in eine ferne Vergangenheit, in der der Mensch der Natur, der Angst, der Macht und den Grenzen seiner eigenen Welt gegenübersteht. Mads Weg ist nicht nur ein Kampf ums Überleben. Er erzählt vom uralten Konflikt zwischen Unterwerfung und dem Versuch, einen eigenen Willen zu entwickeln.
Von Arge bis Uruk verfolgt der Roman die Entstehung erster Städte, Glaubensvorstellungen und gesellschaftlicher Ordnungen aus der Perspektive eines Menschen, der das ihm vorgegebene Leben nicht einfach hinnimmt, sondern sehen, lernen und selbst entscheiden will.
Historische Vorstellungskraft, Mythologie und menschliche Erfahrung verbinden sich zu einer Erzählung über Freiheit, Gehorsam und Gewissen.
Der Mensch erkennt die Grenzen, die ihm gesetzt wurden, und beginnt, nach dem eigenen Willen zu suchen.
Die Entstehung von Gehorsam durch Glauben, Angst und gesellschaftliche Ordnung.
Von Arge bis Uruk entstehen Städte, Glaubenswelten und neue Formen menschlichen Zusammenlebens.
Die ersten fünf Kapitel stehen als vollständiger Webtext zur Verfügung. Sie können den Text selbst lesen oder sich ihn mit einer deutschen Frauenstimme vorlesen lassen.
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An etwas zu glauben
ist der stärkste Zauber,
der kaum zu brechen ist.
Während die Dorfbewohner am Lehmofen in ihre Arbeit vertieft waren, zerriss Taras Schrei plötzlich die Stille des Dorfes.
“Mad!”
Tara stürzte mit dem Kind, das in ihren Armen schwer geworden war, zwischen den Lehmhäusern hervor und rannte zum Dorfplatz. Hinter ihr drängte eine Menge her, die ihren Schrei gehört hatte und ihr auf den Fersen blieb. Schritte gerieten durcheinander, Staub stieg auf.
Als sie die steinernen Stufen des Tempels erreichte, war ihr Atem aufgebraucht. Ihre Brust hob und senkte sich vor Schmerz, und nur mühsam brachte sie ihre Stimme hinauf.
“Ram! Ram!”
Tara presste das zitternde Körperchen Mads fester an sich. Der Atem des Kindes wurde flacher, seine abkühlende Haut nahm die Farbe der Erde an. Es glitt ihr zwischen den Handflächen davon. Jeder Atemzug erlosch ein wenig mehr in ihren Handflächen.
Vor der Menge, außer Atem, schrie sie flehend:
“Mad stirbt, eine Schlange hat ihn gebissen!”
Der schwere Ledervorhang am Eingang des Tempels, in den Sonne, Mond und Sterne als Reliefs eingearbeitet waren, wurde einen Spalt weit geöffnet. Aus der Öffnung drang eine dichte Luft, schwer wie der Geruch von verrotteter Eiche und nasser Erde.
Aus den Schatten trat eine alte Frau hervor, weißhaarig, die Haut gefurcht, in ein Ledergewand gehüllt. Das Licht, das sich am Stab in ihrer Hand und an den bunten Steinen an ihrem Hals brach, zündete Funken in ihren Augen. Ram hob ihren Stab in die Luft.
Das Murmeln der Menge verstummte, als wäre es mit einem Messer abgeschnitten worden. Der Tempel zog ihre Angst mit einem unhörbaren Atemzug in sich hinein.
“Was ist geschehen?” fragte sie, ihre Stimme kalt und schwer wie uralte Steine.
Mit jedem Schritt, den Tara die steinernen Stufen des Tempels hinaufstieg, zitterte in ihren Knien die Last der Jahre. Oben, am Ende der Stufen, blieb sie vor der Alten stehen. Rams Gesicht war so reglos wie ein steinernes Siegel, seine Augen tief und still wie bodenlose Brunnen. In diesem Blick wurde lautlos ein schweres Urteil gefällt, das Taras Knie noch schwächer machte.
Tara spürte, dass sie angesichts der sterbenden Wärme ihres Kindes zerfloss. All die heiligen Erzählungen, die sie ihr Leben lang gehört hatte, mussten nun endlich etwas bewirken, dachte sie. “Wenn nicht jetzt, wann dann?” ging es ihr durch den Kopf. Sie konnte nicht unterscheiden, ob dieser Gedanke ein Gebet war oder das letzte Feilschen.
“Bitte lass ihn nicht sterben”, flehte sie, ihre Stimme brach. “Sag der Göttin, sie soll ihn retten. Wenn sie ihn rettet, weihe ich ihn der Göttin!”
Die alte Frau nahm das reglose Kind behutsam aus den Händen der jungen Mutter und musterte es lange. Der Körper des Kindes war für sein Alter überraschend schwer, von steinerner Schwere.
“Warte”, sagte sie.
Dann wandte er sich zurück in die Dunkelheit des Tempels. Der Ledervorhang schloss sich wieder und ließ den Zurückgebliebenen nur das matte Licht und den schweren Geruch.
Tara blieb am oberen Ende der Stufen stehen. Das Versprechen, das sie eben gegeben hatte, wurde zu dem einen Satz, der in ihrer Brust widerhallte:
Wenn sie ihn rettet, weihe ich ihn der Göttin…
Ihre Knie drohten nachzugeben, und sie hielt sich mit Mühe aufrecht, um nicht auf die steinernen Stufen zu sinken. Die Menge wartete einen Schritt hinter ihr, in flüsternder Unruhe. Manche blickten hinauf zum Himmel, als flehten sie um Erbarmen, andere auf den Eingang des Tempels.
Für Tara wurde die Zeit zu einem schweren, unbeweglichen Schatten, der zwischen den Steinen feststeckte. Sie bemerkte weder, wie die Sonne ihren Stand veränderte, noch, wie der Wind die Richtung wechselte. Sie spürte nur die Abwesenheit ihres Sohnes, den man ihr aus den Armen genommen hatte, und die Leere, die sich in ihrer Brust geöffnet hatte.
Aus dem Tempel drang kein Laut. Kein Murmeln eines Gebets, kein Klopfen eines Stabes, kein Rascheln der Steine. Nur eine Stille, die selbst dann unhörbar blieb, wenn man ihr lauschte. Diese Stille schien nicht aus den Steinmauern zu kommen, sondern aus Taras Brust.
Tara versuchte, sich die Gebete zu erinnern, die sie als Kind von ihrer Mutter gelernt hatte. Ihre Lippen bewegten sich, doch die Worte fanden nicht hinaus. An die Stelle der Gebete war das nackte Versprechen getreten, das sie der Göttin eben gegeben hatte. Es gab nichts mehr, worüber sie handeln konnte.
Nach einer Weile wurde der Ledervorhang erneut einen Spalt weit geöffnet.
“Tara!”
Die junge Frau sprang vor. Als sie sah, wie sich die Brust des Kindes hob und senkte, umklammerte sie vor Glück die Hände der Alten und überschüttete sie mit Küssen. Kaum hatte die Alte das Kind wieder in ihren Schoß gelegt, drängte sich Mad hungrig, voller Hoffnung an die Brust seiner Mutter. Als hätte es das alles nicht gegeben.
In diesem Augenblick spürte Tara zum ersten Mal, wie sehr die Schwere eines Atemzugs, der von der Schwelle des Todes zurückkehrt, einen Menschen erleichtern kann.
Unten brach die Menge in Freudenschreie aus. Ram begann, ihnen laut zu berichten:
“Ich nahm das Kind und ging vor die Statue der Göttin Ninhursag. Dreimal hob ich meinen Stab in die Höhe und senkte ihn wieder. Ich beugte mich, bis mein Gesicht den Boden berührte, und sprach Gebete. In diesem Moment begann die steinerne Statue der Göttin sich zu regen. Während sich ihre Augen langsam öffneten, wurde der dunkle Tempel von Licht erfüllt, wie wenn die Sonne hinter den Bergen aufsteigt und die Ebene flutet. Strahlende Lichter, die aus dem Blick der Göttin sprühten, in deren Pupillen Sterne funkelten, umhüllten ihren ganzen Leib.”
Die Menge hörte voller Staunen zu. Manche blickten aus Angst zu Boden. Manche knieten nieder, pressten die Stirn an die Steine und murmelten den Namen der Göttin.
Ram fuhr fort:
“Die Göttin sagte: ‘Bring ihn her!’ Ich hob das Kind vom Boden auf und legte es auf ihre Knie. Sie legte ihre Hand auf sein Herz, und das Herz entflammte wie ein Stern. Seine Brust füllte sich mit Licht, seine Haut wurde durchsichtig. Es leuchtete auf wie ein Blitz und begann wieder zu schlagen. Dann wandte sich die Göttin zu mir. Sie sagte: ‘Ram, dieses Kind gehört nun dem Tempel,’ und wurde wieder zu Stein.”
Ram ließ seinen Blick über die Menge gleiten und sprach weiter:
“Die Göttin gab dem Kind sein Schicksal zurück. Sie zog es von der Schwelle des Todes fort. Sie weihte dieses Dorf mit dem Atem dieses Kindes erneut. Von nun an steht Mad unter dem Schutz Ninhursags.”
Tara brachte Mad nach Hause, als hätte sie einen verlorenen Schatz wiedergefunden, und atmete seinen Geruch ein. Sie spürte seine Wärme, seinen Atem, seine Herzschläge und wusste, dass diese Lebendigkeit, die sich in seinen Körper eingeprägt hatte, sie aufrecht hielt. Ihr Inneres füllte sich mit Ruhe. Und doch hing das Versprechen in einer Ecke ihres Denkens, spitz wie eine Nadelspitze, eine Schwere, die noch nicht schmerzte.
„Eine gewöhnliche Angelegenheit, die sich zwischen zwei Frauen klären ließe“, dachte er. „Wie Samen, die in die Erde fallen und verdorren, noch bevor sie keimen können, würden auch jene Worte mit der Zeit still in Vergessenheit geraten.“
An diesem Gedanken musste er sich festhalten.
Doch im tiefsten Winkel ihres Herzens wusste sie auch, dass Vergessen manchmal die schwerste Last ist. Während sie die warme Hand ihres Kindes in ihrer Handfläche spürte, ahnte sie nicht, wie zerbrechlich dieser ruhige Moment war, und wünschte, er möge ewig dauern.
Das Dorf lag im rötlichen Schein des späten Nachmittags und war in eine stille Erwartung gehüllt.
Vor Taras Hütte standen auf der Erde noch immer Mads Fußspuren, als hätte die Kälte des Todes sich dort festgesetzt und selbst die Wärme der Sonne sie noch nicht vertreiben können.
Tara blieb einen Moment am Eingang stehen. Während sie ihr Kind im Arm hielt, dachte sie daran, wie Mad eben erst von der schmalen Linie zwischen Leben und Tod zurückgekehrt war. Trotz der Ruhe, die in ihr aufstieg, spürte sie einen leichten Stich in der Brust. Das Gewicht ihres Schwurs erinnerte sie an sich selbst.
Das Innere der Hütte wirkte merklich dämmeriger. Als Tara eintrat, schlug ihr die Restwärme des Feuers entgegen, doch selbst diese Wärme konnte die Spannung in ihrem Inneren nicht vertreiben.
Mad schlief an ihrer Schulter ein, ein leises Aufatmen auf den Lippen. Als Tara ihn auf die Matte legte, bemerkte sie, wie ihre Finger noch immer zitterten.
In diesem Moment wurde der Lederhang beiseitegeschoben. Drei Frauen aus dem Dorf traten ein, mit Gesichtern, die zugleich Sorge und Neugier verrieten. Ihre Blicke suchten sowohl Gewissheit als auch die Geschichte dessen, was geschehen war.
“Geht es ihm gut?” fragte die Älteste.
“Ja”, antwortete Tara mit heiserer Stimme. “Die Göttin hat ihn zurückgegeben.”
Die Frauen blickten auf Mads schlafendes Gesicht. Die Älteste legte ihre Hand auf die Stirn des Kindes und murmelte dreimal ein Gebet.
Diese Berührung fühlte sich für Tara an wie ein kleiner, schwerer Stein der Geduld, der sich zum ersten Mal an der richtigen Stelle senkte.
“Ram lässt dir ausrichten, du sollst in den Tempel kommen“, sagte eine der Frauen. „Du hast es versprochen, Tara. Er vergisst so etwas nicht.“
Tara verzog das Gesicht, als wollte sie sagen: „Das ist eine Sache zwischen mir und der Tanrıça, was geht es euch an“, und wandte den Blick zur Seite.
„In Ordnung“, fand sie schließlich keine anderen Worte.
Die Frauen gingen, und im Inneren des Hauses versank alles wieder in Stille. Nur das Knistern des Feuers im Tifik war zu hören.
Tara setzte sich neben Mad.
Bei jedem Atemzug, der seine Brust hob und senkte, spürte sie zugleich Dankbarkeit und Furcht.
Furcht. Denn Rückkehrer tragen manchmal schwerere Lasten als diejenigen, die nie gegangen sind.
Nach einer Weile stand Tara auf, um zum Tempel zu gehen.
Der Weg, den sie schon Hunderte Male gegangen war, fühlte sich heute an, als beträte sie fremde Erde. Den schweren Geruch des Tempels erkannte sie schon aus der Ferne.
Dieser Geruch war kein Hoffnungszeichen mehr. Er war ein Ruf.
Als sie den Tempel erreichte, war der Lederhang schon geöffnet. Ram wartete oben auf den steinernen Stufen.
“Du bist gekommen”, sagte sie.
Tara nickte.
“Du erinnerst dich an dein Versprechen.”
“Ja, aber in diesem Moment…”
Ram hob die Hand und ließ sie nicht ausreden.
“Mads Schicksal liegt nicht mehr in unserer Hand.”
Taras Kehle schnürte sich zu. Mit einer dumpfen Stimme, wie ein Stein, der in einen tiefen Brunnen fällt, flüsterte sie:
„Ich … ich bin seine Mutter“, flüsterte sie. „Wie soll ich ihn …“
Ram machte einen Schritt auf Tara zu.
“Ein Versprechen, das einer Göttin gegeben wird, nimmt man nicht zurück.”
Ihre Stimme war hart wie die Steine des Tempels.
Taras Knie zitterten erneut.
Dieses Mal nicht aus Angst, ihn zu verlieren, sondern aus Angst, ihn der Göttin übergeben zu müssen.
Ram wandte sich dem Dorf zu.
“Komm im Morgengrauen zurück. Mads Reise wird beginnen.”
Taras Kopf schwindelte.
Ihr Blick verschwamm.
Einen Moment lang war es, als würde der Boden unter ihren Füßen nachgeben.
Doch auf Rams Gesicht gab es keinen Hauch von Zweifel.
So wird es sein“, sagte der Alte in einem endgültigen Ton.
Tara wandte sich um und ging.
Bei jedem Schritt war es, als würde sich in ihr ein Stein lösen. Ein kleiner Bruch, leise, aber unwiderruflich.
Auf dem Weg nach Hause war es dunkel geworden, doch ein sanfter Mondschein lag über dem Dorf.
Im bleichen Licht sah Taras Schatten gespalten aus.
Der eine gehörte der Mutter, die ihr Kind an sich drücken wollte.
Der andere der Frau, die einen Schwur an die Göttin zu tragen hatte.
Als Tara die Hütte erreichte, schlief Mad noch immer.
Während sie ihn ansah, stand die Zeit einen Augenblick still. Selbst das feine Zittern in dem Atem des Kindes reichte, um ihre Welt aufrecht zu halten. Tara nahm Mads kleine Hand in ihre, lehnte den Kopf an ihre Knie. Sie wusste, nach dieser Nacht würde nichts mehr sein wie zuvor.
Die Hütte roch nach Asche. Die Nacht hatte eine graue Müdigkeit über das erloschene Feuer gelegt. Tara schob den Lederhang zur Seite; das Licht fiel durch tanzende Staubkörner hinein und streifte Mads schlafendes Gesicht. Sie beugte sich über ihn und atmete seinen Duft ein. Unter ihren Händen suchte sie auf seinem Rücken weniger die Wärme einer Hand als den kühlen Schatten, der gestern an ihm gehaftet hatte. Dieser Geruch war wie die Rückkehr eines Stücks, das ihr aus der Brust gerissen worden war, als hätte sie einen verlorenen Teil wieder an seinen Platz gesetzt.
Sie schüttelte den Krug. Ein Plätschern. Der letzte Tropfen.
Mad wehrte sich, schürzte die Lippen. Taras Blick besiegte ihn.
„Trink“, sagte sie. Ihre Stimme vibrierte am dünnsten Nerv eines Mutterherzens. „Du musst wachsen.“
Sobald die Milch ausgetrunken war, stürzte das Kind nach draußen.
„Halte dich fern von den Schlangen! Und geh nicht über den Platz hinaus!“
Taras Stimme prallte gegen den Ledervorhang der Hütte und blieb drinnen.
Mit hastigen Fingern griff sie nach der Wolle. Sie trat hinaus. Ihre Augen waren so wachsam wie die einer Wölfin, die ihr Junges bewacht. Am Lehmofen kneteten die Dorfbewohner wortlos den Teig, ein stilles Ritual.
Tara trat zu Iber.
„Hast du Mad gesehen?“ fragte sie.
„Im Stall“, antwortete Iber. „Mit den anderen Kindern.“
Taras Herz flatterte in ihrer Brust wie ein Vogel. Bei jedem Schritt brannte das Versprechen von gestern wie ein winziger, heißer Punkt in ihrem Nacken.
Wenn sie ihn rettet, gebe ich ihn ihr zurück!
Aus dem Stall stiegen die hellen Schreie spielender Kinder. Mad jagte die Ziegen auf, lachte über ihr verwirrtes Blöken.
„Mein Kleiner! Wir essen gleich Brot!“ rief Tara.
„Jetzt nicht, Mama! Das Spiel hat gerade erst angefangen!“ rief Mad zurück.
Tara drehte sich um, hockte sich hin und nahm die Wolle. Ihre Finger bewegten sich in einem unausweichlichen Kreis, der an den Wechsel der Jahreszeiten erinnerte. Jede Masche trug das Echo des Versprechens von gestern. Ihre Gedanken waren beim Stall. Ihr Herz schlug mit jedem Schritt, den Mad tat.
Iber kam zu ihr.
„Mir ist kurz das Herz stehen geblieben!“ sagte sie.
Tara zwang sich zu einem Lächeln. In diesem Moment riss der Faden. Ein kleines, dünnes Geräusch, wie ein unterdrückter Schrei, löste sich in der Luft.
„Frag nicht“, sagte Tara mit zitternder Stimme. „Ich dachte, ich würde ihn verlieren. Es war, als würde mir ein Stück aus der Brust gerissen.“
„Mad ist wild. Lass ihn nicht aus den Augen“, sagte Iber.
„Das werde ich nicht“, sagte Tara und drückte die Wolle in ihren Händen zusammen. „Denn wenn ihm etwas passiert, kann ich nicht weiterleben.“
Ibers Gesicht verfinsterte sich.
„Meine erste Tochter war in seinem Alter. Als sie starb, schwieg die Göttin. Der Tempel wurde zu Stein.“
In ihrer Stimme lag der Rest einer alten Wut, die wie Glut unter kalter Asche glimmte.
Mit einem Seitenblick sah sie zum Tempel, der über den Platz ragte.
„Seltsamerweise helfen weder Tempel noch Göttin, wenn es um den Tod geht.“
Der Schatten des Tempels lag lang über dem Platz. Diese gleiche kalte Hand fiel nun auch auf sie. In der Luft schwebten unausgesprochene Worte, scharf wie eine drehende Messerschneide.
„Du hast Glück“, sagte Iber mit einem bitteren Ton. „Die Göttin hat dich gehört. Sie hat dir dein Kind geschenkt.“
Dieses Wort geschenkt jagte Tara einen Schauer über den Rücken. Sie fühlte denselben kalten Schweiß wie gestern auf den Stufen des Tempels. Denn was geschenkt wird, wird oft zurückgeholt.
Die Zeit hatte drei Monate mit sich genommen, wie ein kalter Atem, der alles streift und verschluckt. In den frostigen Nächten hatten die Dorfbewohner Holz aus dem Wald getragen, um sich aneinanderzulehnen und aus Stämmen kleine Festungen in ihren Hütten zu bauen.
Tara erwachte in der Wärme von Mads Atem, der sich über ihren Rücken ausbreitete. Sie richtete sich auf, rieb ihren zitternden Körper. Der Schlaf fiel von ihr ab wie eine nächtliche Kruste.
Sie begann mit dem ersten Ritual des Morgens. Sie wählte das Holz aus, scharrte geduldig in der Asche und fand die roten Glutnester, die darin verborgen lagen. Sie legte dünne Zweige über Kreuz und blies hinein, wie eine alte Zauberin, die das Leben erneut herbeiruft. Der Rauch reizte ihre Augen, und es war, als stiegen die brennenden Geister der Vergangenheit mit auf. Sie hustete, wischte die Tränen weg, gab aber nicht auf. Schließlich sprühten Funken, dann entstand eine kleine zitternde Flamme.
Als die Flammen das Holz ergriffen und verschlangen, wärmte sie ihre Hände daran. Als das Feuer kräftiger wurde und die Hütte mit einem flackernden Orange erfüllte, rief sie:
„Mad! Komm ans Feuer!“
Das Kind kam, als würde es noch aus der Welt der Träume herübergleiten, und hockte sich an die Feuerstelle. Tara strich ihm über das struppige Haar. Ihre Berührung war sanft, doch als sie die Hand zurückzog, zögerten ihre Finger einen Moment, als bliebe ein Abschied daran hängen.
Dann schob sie ihn spielerisch weg, und als Mad lachend zurückschob, konnte sie nicht widerstehen. Sie nahm ihn in die Arme und drückte ihn fest an sich.
In ihren Augen flackerten schmerzhafte Erinnerungen auf:
Meine zwei Engel…
Von der Krankheit fortgerissen.
Ninhursag war in ein tiefes Schweigen gefallen.
Und Saart…
Ach Saart. Mein Jäger, der selbst zur Beute wurde.
Einen Monat lang war sie jeden Abend zum Tempel gerannt, hatte auf den steinernen Stufen stundenlang gefleht.
Die Göttin wird wissen, was sie tut, hatte sie sich eingeredet.
Doch der magische, uralte Stein der Statue blieb stumm.
Mad war das einzige Andenken, das ihr von ihrem Mann geblieben war.
„Hast du Hunger?“ fragte sie und küsste seine Stirn.
„Ja!“
Tara stand auf, sammelte ihr langes schwarzes Haar und warf es hinter die Schulter. Als sie zum Eingang der Hütte ging, spürte sie eine Unruhe, die ihr wie kaltes Metall in den Magen sank. Sie schob den Ledervorhang einen Spalt auf. Für einen Augenblick stand die Zeit still.
Draußen, im blassen grauen Licht der Morgendämmerung, stand Ram. Als wäre sie seit Beginn der Nacht dort gestanden, wie ein Fels, der niemals ermüdet. Ihr Gesicht trug weder Zorn noch Milde, nur eine erschütternde Ruhe.
Tara stockte der Atem. Ihre Hand blieb einen Augenblick in der Luft, dann zog sie den Ledervorhang hastig zu. Sie riss Mad an sich, kauerte im dunkelsten Winkel der Hütte und zog die Felle über beide. Der warme Atem des Kindes mischte sich in ihr schnelles Atmen.
„Tara!“ dröhnte Rams Stimme von draußen.
„Nein!“ schluchzte Tara, die Stimme erstickt von purer Angst und Hilflosigkeit.
Dann fiel sie in eine Stille, so schwer wie der Tod selbst. Ihre Ohren hörten nur das dumpfe Hämmern ihres Herzens. Sie wusste nicht, wie viel Zeit verging.
Schließlich hob sie mit eiskalten Fingern die Felle leicht an. Sie hielt den Atem an, lauschte.
Nichts.
Sie hielt Mad fest umklammert und ging zum Eingang, als wäre jeder Schritt eine Qual. Am Rand schob sie den Ledervorhang einen Spalt auf und streckte den Blick nach draußen.
Ram war verschwunden.
Doch Tara spürte keine Erleichterung.
Ihr Instinkt sagte ihr, dass diese Sache nicht so leicht enden würde.
Sie ging um die Hütte herum, ihre Augen durchsuchten jede Bewegung, jeden Schatten. Dann wandte sie langsam den Blick zum Tempel.
Dort, oben auf den hohen Stufen des Tempels, stand eine dunkle Silhouette. Der Stab war noch in seiner Hand, und er blickte hinunter, zur Hütte.
Die Dämmerung verbarg ihr Gesicht, aber Tara spürte ihren Blick auf ihrer Haut.
Er wirkte wie ein Jäger, der reglos wartet, bis seine Beute ermüdet.
Tara wandte den Kopf ab, trotzig und verzweifelt, schleuderte ihr Haar über die Schulter.
Sie trat hinein und zog den Ledervorhang hinter sich zu.
Am Feuer ließ sie sich nieder und hielt Mad fest. Ihre Augen hefteten sich an das Tänzeln der Flammen; es war, als würde ihr ganzes Leben, all ihre Freude und all ihr Schmerz im orangefarbenen Schlund verglühen.
Mad, letzter Zeuge meiner Liebe, dachte sie mit stechendem Herzen.
Wenn ich ihn verliere, verliere ich mich selbst.
Diesen Tag wich ihr Blick kein einziges Mal von ihrem Kind. Jeder Atemzug war ein neuer Stich der Angst.
Auch in den nächsten Tagen wich die Angst nicht von ihr. Jedes Mal, wenn sie hinaustrat, suchte ihr erster Blick den alten steinernen Bau.
War Ram noch dort?
Wartete sie?
Und die Frage, die sie am meisten fürchtete, die an ihr nagte:
Wann würde dieses Warten enden?
Tage später beobachtete Tara, wie Mad vor ihrer Hütte die Vögel aufscheuchte. Ihr Blick folgte nicht dem Kind, sondern schien einen Punkt dahinter zu bewachen. Ihre Augen waren wachsam, wie die eines Tieres, das das Unheil spürt, bevor es geschieht.
So sehr war sie in Gedanken versunken, dass sie Ram nicht bemerkte, die sich lautlos neben sie gestellt hatte. Als sie Rams Stimme hörte, fuhr sie erschrocken hoch, lief zu Mad und presste ihn fest an sich. Zwei Herzen schlugen im selben Takt der Angst. Mads Atem hinterließ eine warme Spur an ihrer Wange.
Sie wusste, warum Ram gekommen war. Noch bevor die Alte ein Wort sagen konnte, schrie Tara, von nackter Panik getrieben:
„Verschwinde, Zauberweib!“
Sie schwang den Finger wie eine Waffe.
„Elende Hexe! Geh! Sonst bring ich dich um!“
Ram antwortete mit einer Stimme, so dünn und tief wie ihr Körper:
„Als die Schlange ihn biss, hast du ihn der Göttin versprochen.“
Tara knirschte mit den Zähnen. Ihre Worte kamen nur mühsam hindurch:
„Ich dachte, er würde sterben. Wie die anderen.“
Ram wich keinen Schritt zurück.
„Aber er starb nicht.“
„Dann soll deine Göttin meinen Mann und meine anderen Kinder retten! Sie soll sie zu sich nehmen! Mad gebe ich nicht her. Geh! Oder ich töte dich wirklich!“
Tara hob einen Stein vom Boden auf und warf ihn, ohne nachzudenken. Der Stein landete zu Rams Füßen. Ram wich nur knapp aus. Ihr Blick wurde hart, scharf wie gesprungener Fels. Sie verlor keine Worte, erinnerte Tara an die alten Bündnisse, an die Schuld gegenüber der Göttin und an die Siegel des Schicksals.
Doch Tara lauschte nur Mads Atem. Jeder Atemzug war eine verspätete Antwort.
„Ninhursags Gesetz ist unerschütterlich“, sagte Ram.
„Das Siegel des Schicksals ist gesetzt. Sein Weg liegt längst nicht mehr in deinen Händen. Erkenne es an und begleiche deine Schuld.“
Tara sah der Alten direkt in die Augen. Einen Herzschlag lang entstand eine Stille, schärfer als Angst.
„Ram“, sagte sie leise.
„Die Wärme dieses Kindes in meinen Armen wiegt schwerer als alle Worte, die du in deine Steinwände ritzt. Sein Atem ist meine einzige Lebensquelle. Wenn deine Göttin dieses Leben will, muss sie erst mein Fleisch von meinen Knochen trennen!“
Ram schwieg. Fand keine Antwort. Sie blieb einen Moment stehen, als läge noch ein Satz auf ihrer Zunge. Aber sie sprach ihn nicht aus. Sie drehte sich um und ging den Weg zum Tempel hinauf.
Tara sah ihr nach, Mad fest im Arm, bis die Alte die letzten Stufen erklommen hatte. Mit jedem Schritt verschob sich etwas in Taras Brust, und nichts rückte nach.
Von diesem Tag an wurde Taras Welt enger. Nachts fand sie keinen Schlaf mehr, fuhr schreiend aus Albträumen hoch und tastete nach Mad, um sicherzugehen, dass er da war. Die Augenblicke, in denen sie glaubte, er sei verschwunden, waren wirklicher als ihr Wachsein.
Ungefähr einen Monat ging das so. Sie ging nicht in den Wald, holte kein Holz, nahm nicht an der Jagd teil. Die Dorfbewohner sorgten sich, legten ihr Gesammeltes vor die Hütte. Tara wies alles zurück. Danach gaben sie auf und ließen die Körbe stillschweigend zurück.
Doch Tara hatte inzwischen mehr als eine Angst. Mad dem Tempel zu geben war eine Möglichkeit. Doch der Zorn der Göttin war eine andere. Was gegeben wurde, konnte zurückgefordert werden. Das wusste sie. Dieser Gedanke brannte sich ein, Tag für Tag, wie ein Dorn, der nicht herauswill.
Sie gewöhnte sich daran, gegen ihren Willen, gegen ihren Widerstand. Und genau das machte sie wütend. Warum lag jede Last auf ihren Schultern? Warum schrieb das Schicksal seine Linien, indem es etwas von ihr wegnahm?
Stille war nicht länger ein Ort zum Ausruhen. Sie war eine Hand, die auf etwas wartete.
Eines Nachts, als Tara wütend ein großes Stück Holz ins Feuer schleuderte, entwich ihr ein einziger, schneidender Satz:
„Und was, wenn die Göttin ihn wieder tötet?“
„Ich habe Ihr Buch von Anfang bis Ende mit großer Neugier gelesen. Es hat mir sehr gefallen. Fesselnd.“
Prof. Muazzez İlmiye Çığ · 21.09.2006