MAD TRILOGIE · III

MAD Heimatlos

Wohin gehört ein Mensch, wenn selbst seine Zeit verschwunden ist?

Mad öffnet die Augen fünftausend Jahre später im Irak des Jahres 1990. Die Götter, Zikkurate und die Welt, die er kannte, sind verschwunden. An ihre Stelle sind Krieg, Grenzen, Waffen und neue Identitäten getreten.

Von Eridu über Kirkuk bis Chamchamal betrachtet Mad die moderne Welt mit den Augen eines Menschen aus einer längst vergangenen Zeit. Sprache, Heimat, Zugehörigkeit und Menschlichkeit werden für ihn zu Fragen des Überlebens.

Irak 1990 · Identität · Sprache · Krieg · Heimat
MAD III · Heimatlos
M. Mehmet Ünver
Über den Roman

Fünftausend
Jahre später
auf derselben Erde

MAD III · Heimatlos versetzt die Zeitachse der Trilogie abrupt in den Irak des Jahres 1990. Mad steigt bei den Ruinen des Zikkurats von Eridu an die Oberfläche und erfährt, dass die Götter Sumers verschwunden sind. Die Zivilisation, die er kannte, existiert nicht mehr. Die Fragen nach Macht, Angst und Zugehörigkeit jedoch sind geblieben.

Mad besitzt keine Identität und spricht keine der Sprachen dieser Zeit. Zuerst begegnet er dem Turkmenen Bekir, später in Chamchamal dem kurdischen Peschmerga Mahmud. In dieser neuen Welt wird Sprache weit mehr als Kommunikation: Sie wird zum Schlüssel für Vertrauen, Schutz, Überleben und Zugehörigkeit.

Durch Mads fremden Blick erscheinen moderner Krieg, Staat, Religion und nationale Identitäten plötzlich ungewohnt. Die zentrale Frage wird immer einfacher und zugleich schwerer: Wo findet ein Mensch Heimat, wenn ihm Zeit, Sprache und Herkunft genommen worden sind?

01

Heimat und Identität

Mad besitzt nur noch seinen Namen. Die Grenzen und Identitäten der modernen Welt muss er von Grund auf neu verstehen.

02

Sprache und Menschlichkeit

Zwischen Menschen, die einander nicht verstehen, entstehen Vertrauen und Nähe zuerst durch Gesten, Schutz und Mitgefühl.

03

Krieg und Macht

An die Stelle der alten Götter sind Armeen, Waffen und politische Mächte getreten. Mad muss den Menschen erneut begreifen.

Leseprobe · Vorlesefunktion

Mads erste Begegnung mit einer Welt fünftausend Jahre später.

Die ersten fünf Kapitel von MAD III · Heimatlos stehen hier vollständig als Webtext zur Verfügung. Öffnen Sie ein Kapitel zum Lesen oder lassen Sie es sich mit einer deutschen Frauenstimme vorlesen.

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MAD III · Heimatlos
01 Kapitel 1 Lesen · Hören +
Kapitel 01 · Deutsche Frauenstimme
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Eridu / Irak, 1990

Wie eine Laterne hing der stumme Vollmond am Himmel und wusch die Reste des Zikkurats in den kalten Tönen des Silbers. Der kühle Sommerwind, der den Staub der Wüste fegte, streifte zuerst die Schultern des alten Ram, dann schlug er gegen Mads blasses Leinengewand und ließ es flattern. Zwischen ihnen floss nur eines, die schweren, traurigen Silben des alten Sumerischen, wie Wasser unter der Erde.

„Was ist mit den Göttern geschehen?“, fragte Mad, seine Stimme wie ein Riss, der sich in die Nacht öffnet.

Ram antwortete, als trüge er die Antwort seit Jahrtausenden wie eine Steinschrift:

„Alle Götter Sumer sind fort.“ „Fort? Wohin?“ „Dorthin, woher sie kamen.“ Rams Stimme war so unbestimmt wie ein Sandsturm, der am Horizont verschwindet.

Das Licht in Mads Gesicht erlosch wie eine Kerze. Seine Augen fielen auf den reglosen Schatten, der im Sand lag. Dann wandte er sich Ram zu und flüsterte mit brüchiger Stimme:

„Und die Göttin Inanna?“ Ram schloss die Augen, als hätte er diese Frage von Anfang an kommen sehen. Er schwieg. Er schluckte die Nacht und die Vergangenheit. Dann drehte er sich weg und murmelte, als legte er die Worte zwischen die Sandkörner:

„Auch sie ist fort.“ Ein Windstoß ging durch die Wüste. Zwischen den Sandkörnern zog ein Heulen umher, wie der letzte Atem einer verlorenen Zivilisation. Als Ram sich wieder zu ihm wandte, hatte sich der schwere Kummer in seinem Gesicht in ein verletztes, gekränktes Lächeln verwandelt.

„Freust du dich nicht?“, fragte er, mit einem leisen Vorwurf in der Stimme.

„Warst du nicht immer gegen die Götter, gegen den Schatten jener prunkvollen Zikkurate? Nun sind sie doch alle fort. Die Götter sind verschwunden, die Tempel sind zu Staub geworden.“

Mad spürte das Gewicht dieser Worte auf den Schultern und versank in eine lange, tiefe Stille. Als er sprach, klang es, als käme seine Stimme aus dem Grund eines Brunnens in der Wüste: „In Abzu habe ich es gespürt, als ich den Gott Enki lange nicht sah. Als wäre die Stimme des Heiligen, zusammen mit ihrem Echo im Wasser, verstummt.“ Seine Stimme begann plötzlich zu zittern und brach:

„Ich bin aus der Gefangenschaft herausgekommen, aber ich kann mich nicht freuen. Ich kenne diese Welt noch nicht. Aber wenigstens bist du da.“

Ram erstarrte einen Moment bei diesen Worten. Er sah in Mads Gesicht, in diesen unschuldigen, verwundeten Ausdruck. Dann hielt er es nicht aus und wich seinem Blick aus, seine Augen verloren sich im dunklen Horizont. „Natürlich werde ich bei dir sein“, sagte er, seine Worte so hart wie ein Schwur, so weich wie ein Abschied.

„Aber in diesen Tagen habe ich noch einige Pflichten zu erfüllen.“ Mit den Fingern zeigte er auf einen unbestimmten Punkt in der Dunkelheit:

„Geh in diese Richtung. Am Straßenrand wirst du ein weißes Fahrzeug sehen, das darauf wartet, dich nach Kirkuk zu bringen. Der Fahrer heißt Bekir. Sag zu ihm ‚Müzeyyen‘, dann versteht er. Bis ich zurück bin, wird er auf dich aufpassen.“

Mads Augen wurden groß und leuchteten wie der Vollmond am Nachthimmel. „Werden wir uns trennen?“, erwiderte er, seine Stimme zwischen Staunen und Angst hin und her schwankend.

„Dann warum hast du mich an die Oberfläche gebracht?“ Ram hörte diesen angstvollen Einwand mit einer Geduld und Zärtlichkeit, die Jahrtausende in sich trugen. „Es wird schwer, ich weiß“, sagte er, seine Stimme so leise wie ein Wiegenlied.

„Aber es wird nur kurz dauern...“ In diesem Moment waren in der Ferne scharfe Schritte zu hören, vom Wind getragen, und Laternenlicht wurde sichtbar.

Rams alter, schwerer Körper spannte sich. „Schnell!“, flüsterte er, seine Stimme scharf wie die Klinge einer Gefahr.

„Versteck dich!“ Mad klammerte sich an das Seil, glitt in die dunkle Grube hinab, aus der er eben erst heraufgekommen war, und verschwand. Von oben drangen fremde Stimmen und ein Lichtkegel, der einen Augenblick lang in den Grubenschlund glitt, dann trug der Wind alles fort.

In der tiefen Stille, die sich über alles legte, blieb er eine Weile reglos. Mad hielt den Atem an, spürte die kalten Fasern des Seils in den Händen und kletterte wieder nach oben. Am Rand der Grube stand er wie ein Geist. Er blickte zum Himmel. Der Vollmond leuchtete, wie Keilschrift auf zerbrochenen Tafeln, als unverständliche, ferne Botschaft.

Einsamkeit war zum ersten Mal so unbestimmt, so beängstigend. Mit einem Knoten im Hals und einem hohlen Schmerz in der Brust murmelte er:

„Was soll ich jetzt tun?“

02 Kapitel 2 Lesen · Hören +
Kapitel 02 · Deutsche Frauenstimme
Bereit zum Vorlesen.

Mad bemerkte aus der Ferne ein seltsames Objekt, das am Straßenrand stand. Je näher er kam, desto deutlicher wurde seine Form, doch seine Bedeutung in dieser Welt wurde nur noch verschwommener. Seit Abzu war ihm so etwas nicht begegnet. Es hatte Räder. Sein Körper hatte die Kälte der Nacht eingesogen, er wirkte wie glattes Metall. Es erinnerte an ein totes Lebewesen.

Als er sich gerade abwenden wollte, hörte er aus der Dunkelheit einen Befehl, der wie das Geräusch von Kieselsteinen klang.

„Nicht bewegen!“ Mad fuhr zusammen. Das Mondlicht legte einen massigen Mann frei, der mit der Hand auf Brusthöhe ein metallisches Glitzern hielt.

„Wer bist du?“ Mad verstand nicht, er spürte nur den bedrohlichen Klang der Stimme in sich.

Der Mann hob das Metallobjekt deutlicher. „Lehn dich an das Ding.“ Mad gehorchte, in kaltem Schweiß. „Dreh dich jetzt um.“ Mad drehte sich um. Genau in diesem Moment erschien in seinem Kopf ein Flüstern, wie das Echo von Rams Stimme.

„Müzeyyen.“ Die angespannten Linien im Gesicht des Mannes wurden sofort weich, die Augen, die eben noch wie Flammen gebrannt hatten, erloschen. Er steckte das Gerät an den Gürtel.

„Gardaş, steig in den trombel.“ Mad verstand nicht ganz, was gesagt wurde, doch er folgte der Geste. Die Tür des Fahrzeugs ging auf. Aus dem Inneren schlug ihm eine warme Luft entgegen, die sich mit der Kälte der Nacht mischte und nach Öl und Mensch roch. Er stieg ein.

„Ich bin Bekir“, sagte der Mann. „Mad me en“, sagte Mad, so leise, dass seine Stimme fast verschwand.

Als Bekir den Motor startete, erhob sich ein Brummen, das wie das Knurren eines mechanischen Ungeheuers die uralte Stille der Wüste zerriss. Sie fuhren los.

Mad lehnte sich ans Fenster. Am Himmel betrachtete er den Vollmond, der hing, als würde er ihn mit einem Zweck ansehen.

Stunden später näherte sich ihnen auf der Straße aus der Ferne ein Licht, wie ein einäugiges, gelbes Ungeheuer. Das Licht blendete ihn. Mit instinktiver Angst beugte er sich nach vorn und wartete.

Bekir fragte neugierig. „Warum hast du dich erschreckt?“ Mad starrte Bekir leer ins Gesicht. Es dauerte lange, bis er begriff, dass das Licht zu einem anderen Fahrzeug gehörte, das an ihnen vorbeifuhr. Die Logik dieser Welt war viel komplizierter als die tiefe Stille von Abzu.

Das Einzige, dessen Mad sich immer sicherer war, war dies. Er war in eine Zeit gefallen, die er nicht kannte, eine Zeit, in der Zauber aus Metall und Lärm herrschten. In einer solchen Lage konnte es ein Zeichen für eine stille Beute sein, wenn er seine Einsamkeit zeigte.

Als sie am Straßenrand vor einer kleinen, verglasten Hütte anhielten, kamen ihnen zwei Männer entgegen, in Schalevar und mit Poşu. Sie traten an das Fahrzeug heran. Bekir stieg aus, sie sprachen in kurzen, abgehackten Sätzen, die in die Luft flogen. Der stämmigere ging mit einem Schlauch zum Heck des Fahrzeugs.

Als Bekir die Motorhaube öffnete, um Wasser in den Vergaser zu geben, trat ein Mann mit einer Plastikkanne zu ihm. In diesem Moment ging Bekir nach hinten zu dem stämmigen Mann, der ihn rief.

Der Mann mit der Kanne tat seine Arbeit und schloss die Haube. Einen Augenblick lang trafen sich seine Augen mit Mads Blick, der wie ein Geist im Inneren saß. Er geriet in Panik. Mad verstand die Überraschung und Angst in seinem Gesicht nicht und sah nur, wie er in die Hütte flüchtete.

Bekir zählte die Papiere aus seiner Tasche und gab sie dem Mann in die Hand, dann setzte er sich wieder ins Fahrzeug.

„Wir haben Treibstoff bekommen!“ Als von Mad keine Reaktion kam, verzog er die Lippen. „Was sollen wir machen. Wir werden uns mit dem abfinden, was uns bestimmt ist!“

Er ließ den Motor an. Nach einer Weile begannen seltsame Veränderungen im Motorgeräusch. Es wurde zu einem Knurren wie das Husten eines Riesen.

Bekir schaute auf die Anzeigen. Als er sah, dass die Temperatur stieg, schlug er mit der Faust aufs Lenkrad.

„Das hat noch gefehlt. Wir hatten doch gerade erst Wasser nachgefüllt.“

Er zog an den Straßenrand, riss die Haube mit einer wütenden Bewegung hoch. Durch den aufsteigenden Dampf sah er den Defekt. Der Deckel des Vergasers war weg.

„Verdammt, diese Unverschämten“, presste er zwischen den Zähnen hervor.

„Wie konnte ich nur den Kurden trauen?“ Er holte einen weißen Kanister aus dem Kofferraum. Seine Wut ließ selbst in der Kälte der Nacht einen feinen Schweißfilm auf seiner Stirn entstehen.

„Die Türkei wird eines Tages schon mit ihnen fertigwerden!“ Er riss die Tür auf und brüllte Mad mit einer Stimme an, die aus seiner Kehle riss.

„Wenn du auch Kurde bist, mache ich dich fertig. Nimm das!“ Er schleuderte ihm den Kanister in die Hand und packte das Metall an seinem Gürtel mit einer drohenden Bewegung.

„Hol Wasser. Ich bleibe hier und warte.“ Mad verstand nicht. Aus Bekirs verkrampftem Kiefer und seinen Armbewegungen spürte er, was verlangt wurde.

„Los, geh!“ Als er zögerte, hob Bekir die Waffe auf Höhe von Mads Gesicht. „Geh!“ Mad ging in den Sand. Sein Herz schlug in seinem Brustkorb wie ein Vogel.

Er hatte kaum ein paar Schritte gemacht, da rief Bekir hinter ihm her und knurrte.

„Allahs Fluch.“ „Werde ich bis zum Morgen auf dich warten?“ Mad verstand nicht, warum er wütend wurde. Bekir lief zu ihm, riss ihm den Kanister fast aus der Hand.

„Warte beim trombel. Ich bin in einer Stunde zurück.“ Sie gingen in entgegengesetzte Richtungen. Die Spannung in Mads Gesicht ließ nach. Die unsichtbare Last auf seinen Schultern war leichter geworden. Doch die Einsamkeit war gleich danach etwas Eisiges, das ihm auf den Rücken sprang.

Als er zum Fahrzeug zurückkam, hatte die Dunkelheit ihn umschlossen und war gewachsen. Er schwankte zwischen dem Mut, hineinzusteigen, und der Angst, draußen zu warten. Schließlich öffnete er die Tür und warf sich in die metallene Hülle.

Nach einer Weile sah er in der Ferne ein Licht. Es kam näher. Ein helles, blendendes Licht, das die Nacht zerschnitt.

„Fremde“, entfuhr es seinen Lippen. Er geriet in Panik. Er sprang hinaus und rannte, so schnell sein Herz schlug, in die Dunkelheit.

Das Licht beleuchtete das Fahrzeug. Ein paar Männer stiegen aus. Da begann er zu rennen.

Mad hatte richtig gefühlt. Die Absicht der Kommenden war nicht gut.

Er rannte durch das dunkle Gelände. Als ihm die Luft ausging, erreichte er eine Erhebung und ließ sich, ohne nachzudenken, hinunter.

Sein Körper schlug gegen Steine. Seine Holzschuhe flogen davon. Der Schlag auf den Kopf ließ ihm die Augen schwarz werden. Der Schmerz war unerträglich. Er presste die Hände an den Kopf. Zwischen seinen Fingern floss eine warme Flüssigkeit über die Wangen. Er begriff, dass es Blut war. Seine Angst wuchs.

Er kroch hinter ein nahes Felsstück und versteckte sich. Sein Knöchel pochte. Er konnte sich nicht bewegen. Ein Schatten beugte sich über ihn. Ein junger Mann in Schalevar, mit Poşu. In der Hand hielt er ein langes, dunkles Gerät.

„Steh auf.“ Mad zuckte zusammen und versuchte, sich aufzurichten. Das Blut floss von seinem Gesicht auf die Brust.

Der Junge nahm seinen Poşu ab und reichte ihn ihm. Mad drückte den Poşu an den Kopf. Die Wärme eines Menschen und die unerwartete Barmherzigkeit brachen das Eis in ihm.

„Wie heißt du?“ Mad konnte nicht antworten. Schließlich sagte er ein einziges Wort.

„Müzeyyen.“ „Wer?“ „Müzeyyen.“ Ein anderer Mann trat vor. „Bist du Türke?“ Mad flüsterte in seiner eigenen Sprache, wie in eine letzte Zuflucht. „Eme zunene nu zu en.“ Sie verstanden es nicht. „Gehen wir zum Fahrzeug.“ Mad ging taumelnd. Barfuß, voller Blut. Sie kamen zu dem Fahrzeug, dessen Handschuhfach durchwühlt worden war.

„Bist du Bekir?“ Keine Antwort. „Wo ist der Besitzer des Fahrzeugs? Hast du es gestohlen?“ „Sprich!“ Das kalte Metall des Gewehrs drückte sich gegen Mads Brust. Er senkte den Kopf. Er hatte kein Wort zu sagen. Er legte die Hand auf die Brust und flüsterte. „Bekir.“ Dann streckte er die Hand in die Ferne und zeigte in die Richtung, aus der die Männer gekommen waren.

Einer von ihnen schien wie ein Peşmerge zu begreifen. „Bekir kommt nicht mehr zurück“, sagte er. Ein anderer sagte. „Erschießen wir ihn und gut.“ In diesem Moment trat der Junge dazwischen, der ihn gefasst hatte. „Halt. Ich habe ihn erwischt. Lasst ihn mir.“ „Was willst du machen?“ „Der da sieht weder nach Turkmene noch nach Araber aus. Sein Haar, seine Kleidung, seine Sprache, er sieht nach einem anderen Volk aus.“

Der große Mann lachte spöttisch. „Vielleicht ist er ein Amerikaner?“ Der Dicke versuchte es auf Englisch. „What is your name, Kekî?“ Mads Knie gaben nach. Der Junge geriet in Panik. „Bringen wir ihn ins Büro. Wir werden ihn zum Reden bringen.“ „Gut. Los, in den Pickup.“ Sie fesselten Mads Hände vorn und setzten ihn auf die Ladefläche eines weißen Toyota.

Vorn setzten sich drei, hinten vier. Dann fuhr das Fahrzeug los. Während sie auf der dunklen Straße vorankamen, trocknete das Blut auf seinen Wangen im Wind, der ihm ins Gesicht schlug.

Als sie durch die staubigen Straßen von Tuz Khurmatu fuhren und weiter Richtung Camchamal, ging Mad nur ein einziger Satz durch den Kopf.

„Die Götter sind fort. Der Mensch ist geblieben. Aber der Mensch ist noch schrecklicher geworden als die Götter.“

Helle Viertel und verlassene Straßen blieben zurück. Am Eingang der Stadt fuhr der Pickup in einen ummauerten Hof, in dem bewaffnete Männer warteten.

Sie hielten vor einem zweistöckigen Gebäude. Neue Gesichter mit langen Geräten in den Händen versammelten sich um den seltsam gekleideten Mad.

Nach einem kurzen Gespräch brachten sie Mad hinein. Zwei Männer blieben neben ihm. Die anderen stiegen die Treppe rechts im Flur hinauf.

Kurz darauf kamen sie mit einem großen, schnauzbärtigen, alten Mann zurück.

Der Mann sah Mad hart in die Augen. „Navê te çiye?“, fragte er auf Kurdisch. Als er keine Antwort bekam, wiederholte er es auf Arabisch. „Men ente?“ Er wartete auf eine Antwort. Als keine kam, sagte er ein paar Worte zu den anderen und ging zur Treppe zurück, von der er gekommen war.

Zwei Männer führten Mad dieselbe Treppe hinunter. Unten öffneten sie im Flur, in dem drei Türen zu sehen waren, irgendeine Tür.

Sie stießen Mad in einen winzigen, fensterlosen Raum, der schwer und feucht roch. Sie nahmen ihm das eiserne Gerät ab und schlossen die Tür ab.

Auf dem Boden gab es ein kleines Loch als Toilette, eine Plastikkanne und eine schmutzige Decke.

Mad setzte sich im Schneidersitz auf die Decke. „Die Götter sind fort, die Menschen sind geblieben“, dachte er. Und doch gab es einen großen Unterschied.

Mad war jetzt in dieser Zelle, die sogar dunkler war als das Verlies unter dem Turm von Babel, und er war darin ganz allein.

03 Kapitel 3 Lesen · Hören +
Kapitel 03 · Deutsche Frauenstimme
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Chamchamal

Mahmud, der die Nacht in Unruhe verbracht hatte, wälzte sich lange im Bett, wie ein Boot, das an den Strand geworfen worden war. Schließlich hielt er die Schwere in sich nicht mehr aus. Er stand auf und trat mit den Füßen auf die kalten Steine, hinaus in den Hof.

Den Ezan, der in der Morgendunkelheit aufstieg, hörte er zwischen den Steinmauern eingeklemmt und widerhallend, wie einen persönlichen Ruf. Die Worte erleichterten seine Beklemmung nicht, sie machten sie nur sichtbarer, greifbarer.

Er ging zurück hinein, wechselte hastig die Kleidung und machte sich auf den Weg zum Büro. In der Kühle der frühen Vormittagsstunde waren die Straßen still, wie kurz bevor man tief Luft holt. Die Stadt schien, wegen dieses ununterbrochenen, angespannten Wartens, das der Krieg gebracht hatte, mit einem Auge offen zu schlafen. Mahmud hörte seine Schritte in den leeren Straßen nicht wie ein Echo, sondern wie die Stimme seines eigenen Gewissens.

Am Gartentor des Peschmerga-Gebäudes hielten Peschmerga Wache. Als sie ihn sahen, fragten sie neugierig:

„Kekî, was ist los? Warum kommst du um diese Uhrzeit?“ Mahmuds Gesicht war eine Antwort, für die es keine Worte brauchte, gezeichnet von einer Sorge, die an der Nacht genagt hatte.

„Ich habe mich nach dem armen Kerl erkundigen wollen, den wir auf der Straße gefunden haben“, sagte er nur. Seine Stimme war von der Müdigkeit der Nacht dunkler geworden.

Unter den verblüfften Blicken der Peschmerga ging Mahmud über den Hof. Als er durch die Tür des großen Gebäudes trat, war er aus ihrem Blickfeld verschwunden.

Die Tür der Zelle wurde mit einem Geräusch aufgerissen. Das Licht des Flurs sickerte hinein. In der dämmrigen Helligkeit trafen sich die Blicke von Mad, der kerzengerade stand, und Mahmud. Beide hatten die Nacht schlaflos verbracht, und doch standen sie, als wären sie an zwei entgegengesetzten Enden derselben Stille.

Mahmud ging auf ihn zu. Seine Schritte waren langsam, seine Stimme so weich wie möglich:

„Kekî, hab keine Angst. Wie heißt du?“ Mad sah ihn an, schwieg aber. In seinen Augen lag eine Leere, die alles zu verstehen versuchte.

„Hast du Mutter und Vater?“ Mad spürte, wie sich die Worte in seiner Kehle verknoteten. Er wollte ihnen sagen, dass sie sich irrten, dass er keine Schuld trug, ja, dass er nicht einmal zu dieser Welt gehörte. Dieser Impuls leuchtete tief in seinen Augen.

Mahmud verhielt sich, als hätte er es gespürt. Er beugte sich vor, doch er sprach mit der Stimme eines Menschen, der Abstand hält:

„Hör zu, Kekî“, sagte er, wie ein warnender Freund. „Diese Peschmerga kennen kein Mitleid. Wenn du nicht sagst, wer du bist, lassen sie dich in der Wüste zurück, bei den Wölfen. Ich bin ein Freund, ich will nicht, dass dir etwas zustößt. Woher bist du? Wer bist du?“

Gegen Ende seiner Sätze streckte er die Hand aus und berührte seine Schulter leicht, tastend, als wollte er es prüfen.

Diese Berührung öffnete in Mad etwas wie ein Schloss. Mit einer Stimme, die aus der Tiefe kam, als risse sie sich vom Grund eines Brunnens los, flüsterte er:

„Eme zunene nu zu en.“ Dann versuchte er mit den Händen, etwas in die Luft zu zeichnen, es zu erklären. Doch seine Worte und seine Bewegungen lösten sich in der Luft dieser fremden Welt auf und zerstreuten sich wie eine sinnlose Staubwolke.

Mahmud erstarrte einen Moment. Er musterte ihn, seine Linien, seine Haltung, den Stoff seiner Kleidung. In seinem Gesicht lag keine Angst. Nur eine tiefe, verwurzelte Ortlosigkeit. Als wäre seine Verbindung zur Erde abgerissen. In diesem Augenblick stieg in Mahmud, aus der Tiefe seines Herzens, lautlos ein Satz auf, wie ein Urteil. Dieser Junge gehört nirgendwohin. Vielleicht ist er vom Himmel gefallen, einer ohne Ort und ohne Heimat.

Dieser Gedanke hinterließ in Mahmuds Herz einen scharfen Schmerz. „Ich verstehe dich nicht, Kekî“, sagte er schließlich, in einem Ton, der eine Niederlage eingestand. Seine Stimme war schwer von der Müdigkeit der Nacht, und zugleich erfüllt von einer hilflosen Traurigkeit angesichts dieser Unverständlichkeit. Langsam trat er zurück, als ließe er etwas hinter sich, und schloss die Tür der Zelle, wie ein schweres Eisen, das die Wand aus Sprache und Sinn zwischen ihnen verkörperte, ganz langsam.

04 Kapitel 4 Lesen · Hören +
Kapitel 04 · Deutsche Frauenstimme
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An diesem Tag saß Mahmud neben seiner alten Mutter und seinem alten Vater, doch sein Körper war dort, sein Geist aber war kilometerweit entfernt, in der dämmrigen Zelle. Die Unruhe in seinem Gesicht war wie das Zeichen eines Sturms, der sich in der Wüste nähert, still, aber alles umfassend. Seine Zunge war ihm unten im Hals verknotet, wie eine unausgesprochene Last. Als sein Vater ihn neugierig ansah, richtete Mahmud den Blick auf den Boden. Jede Falte im Haus, jedes Staubkorn, schien diese unbekannte Schwere zu tragen, die an ihm nagte.

In ein paar Tagen würde er nach Suleimaniya gehen. Er wusste nicht, wann er zurückkehren würde, ob er überhaupt zurückkehren würde. Jedes Mal, wenn er die Alten verließ, die mit ihren Körpern, die von Mal zu Mal kleiner wurden, zurückblieben, war es, als ließe er den Blick in einem Friedhof zurück. Er konnte nicht ahnen, was ihm selbst begegnen würde, doch jede stille Sorge derer, die er zurückließ, füllte ihm die Lungen wie Rauch. Der Gedanke an Suleimaniya beruhigte ihn nicht. Deshalb beschloss er, in der Hoffnung auf einen Ausweg, mit dem Büroleiter Ibrahim über eine örtliche Aufgabe zu sprechen.

Am nächsten Morgen, kaum dass er im Büro angekommen war, wandte er sich an seine Freunde und brachte den fremden jungen Mann zur Sprache, den sie zwei Tage zuvor aus der Wüste aufgelesen hatten.

„Was ist aus dem Jungen geworden, den wir mitgebracht haben?“, fragte er, in seiner Stimme versteckte sich ein Krümel Sorge.

Die Peschmerga zuckten mit den Schultern, ihre Haltung zeigte, dass die Sache für sie erledigt war.

„Wir haben nichts aus ihm herausbekommen. Ein paar Ohrfeigen, er hat nicht gesprochen. Ein seltsamer Typ. Aus seinem Mund kommen seltsame Laute, aber keine Worte. Wir verstehen es nicht.“

Mahmuds Inneres zog sich zusammen, als hätte ein scharfes Messer es aufgeschlitzt. In diesem Land war einem Fremden ein Lebensrecht zu geben schwerer, als der durstigen Wüste Wasser zu schenken. Jeder war Gefangener seiner eigenen Angst und seines eigenen Hasses. Jeden Tag war ein Araber, ein Turkmene, ein Kurde, ein Sarg auf Schultern und in Moscheehöfen, ein verlorenes Leben.

Mahmud war nach dem Tod seines Bruders Azad jederzeit bereit, mit einer einzigen Kugel zu gehen. In einer solchen Welt wirkte Mitleid mit einem heimatlosen Fremden sinnlos und wie Schwäche. Und doch schrie sein Gewissen irgendwo tief drinnen, stur und lautlos. Dieser Junge wirkte, als sei er nicht nur von einem anderen Ort, sondern aus einer anderen Zeit gekommen. Nicht nur seine Sprache, auch seine bloße Existenz flüsterte etwas Fremdes.

Er suchte den passenden Moment und sprach Ibrahim auf seinen Wunsch an, nach Suleimaniya zu gehen. Ibrahim antwortete, die Augenbrauen wie zwei Wolken zusammengezogen:

„Dieses Mal machen wir eine Änderung. Aber vergiss eines nicht. Für einen Peschmerga kommt das Volk vor Mutter und Vater, sogar vor dem eigenen Leben.“

Mahmud senkte beschämt den Kopf. „Ihr habt recht“, sagte er. Mehr sagte er nicht. Er wagte es nicht. Als Ibrahim das Gespräch zusammenfasste, fiel der junge Mann in der Zelle wieder auf die Tagesordnung, wie ein schwerer Stein.

„Seit zwei Tagen haben wir kein einziges menschliches Wort aus ihm herausbekommen“, sagte Ibrahim, in seiner Stimme lag eine merkwürdige Neugier.

„Seltsam. Er sagt etwas, aber wir verstehen es nicht. Er hat keine Sprache.“

„Als wir ihn gefasst haben, hat er den Kopf gegen einen Stein geschlagen“, warf einer ein.

„Wahrscheinlich hat er sein Gedächtnis, seinen Verstand verloren.“ „Was machen wir mit ihm? Er wirkt nicht schädlich, nicht wie ein Feind. Wir können ihn hier nicht ein Leben lang festhalten. Wir haben andere Aufgaben, echte Feinde.“

„Ich versuche es noch einmal“, sagte Mahmud, seine Stimme klang etwas fester.

„Vielleicht ist er vor Angst erstarrt, vielleicht spricht er.“ „Das lohnt nicht. Bring ihn zum Terminal, kauf ihm ein Ticket dorthin, wo er hin will, gib ihm ein paar Dinar dazu. Was auch immer er will, wohin auch immer er gehen will, soll er es tun. Er soll aus unseren Augen verschwinden.“

„Gut. Ich mache die Papiere fertig, du holst den Jungen und bringst ihn.“

„Zu Befehl.“ Mahmud salutierte und ging, mit einer seltsamen Leere in sich. Kurz darauf führten sie Mad aus der Zelle. Sein Gesicht und sein Kopf waren sauber gemacht, doch die Leere in seinen Augen war noch tiefer geworden. Mit einem alten Paar Schuhe neben ihm übergaben sie ihn dem Fahrer. Mad saß allein auf der Ladefläche wie eine Fracht, als das Fahrzeug losfuhr, wurde er durchgerüttelt, hielt sich mit der Hand am kalten Metallrand fest, bis seine Finger weiß wurden.

Sie fuhren durch die staubigen Viertel der Stadt, an eingestürzten Mauern vorbei, und erreichten das Terminal. Fahrkartenschalter, blasse Busse, mobile Stände. Alles war die Gleichgültigkeit und das Chaos eines Marktes.

Mahmud deutete Mad, hinten auf der Ladefläche, mit einer scharfen Handbewegung an, herunterzukommen. Mad sprang herunter, scheu wie ein Tier. Mahmud berührte seine Schulter, drängte ihn nach vorn, ließ ihn vorangehen. Als sie vor den Schaltern am Rand der Menge standen, drehte Mahmud sich um. In seinem Gesicht war keine Geduld mehr.

„Wohin willst du?“ Von Mad kam nur ein Blick, voller reinen Schmerzes und bodenloser Ungewissheit. Mahmud wiederholte hart, jede Silbe betonend:

„Wohin, Kekî? Sag es!“ Mad wirkte, als verstünde er die Frage nicht, doch von seinen Lippen fiel ein Wort.

„Müzeyyen.“ „Machst du dich über mich lustig?“, fuhr Mahmud auf, seine Stimme wurde lauter.

„Wo ist Müzeyyen? So einen Ort gibt es nicht!“ Mad wiederholte leise, stur, als hinge seine letzte Hoffnung an diesen zwei Worten:

„Eme zunene nu zu en. Müzeyyen.“ Mahmud wollte ihn dort lassen, in dieser Menge, in dieser feindseligen Umgebung, und umkehren. Er konnte es nicht. Der hilflose Blick des Fremden flüsterte ihm von tief unten eine Botschaft zu, voller Schmerz und Einsamkeit, deren Sinn er nicht ganz fassen konnte. In ihm, in diesem Land, das Krieg und Tod verdunkelt hatten, wuchs ein hauchdünner Trieb von Barmherzigkeit.

„Gut“, sagte er schließlich und nahm Niederlage und Verantwortung zugleich an. Er drehte sich zu dem Peschmerga neben ihm.

„Gehen wir zurück ins Büro. Sein Kopf ist nicht normal. Kek, lass uns noch einmal mit Ibrahim sprechen.“

Sie setzten Mad wieder hinten auf die Ladefläche, in seinen Metallkäfig, und fuhren auf dem staubigen Weg zurück zum Büro.

Im Hof riefen die Peschmerga, die mit den Händen an den Griffen ihrer Waffen warteten, als sie Mahmud sahen, lachend, als wollten sie die Spannung zerstreuen:

„Kekî, hast du herausgefunden, wer er ist? Ist er aus Amerika? Oder ist er aus dem All gefallen?“

Einige kleideten ihre eigene Unruhe in dieses grobe Lachen. Mahmud blieb kühl, sein Gesicht ausdruckslos.

„Lacht nicht“, sagte er. „Der Arme kann keine Sprache. Und sein Verstand ist auch nicht in Ordnung.“

Ein anderer spottete. „Dann bring ihm Sorani bei, werd Lehrer!“ Mahmud schnitt das Thema kurz ab. „Ich werde mit Kek Ibrahim sprechen.“ Dann wandte er sich an Mad, deutete auf ihn. „Warte hier. Ich komme sofort zurück.“ Mad verstand die Worte nicht ganz, doch am Ton und an den feindseligen Blicken merkte er, dass er gehorchen musste. Er blieb stehen wie ein Steinhaufen. Als Mahmud hineinging, lagen die Blicke der Peschmerga auf seinem Rücken. Die Schwere und das Urteil dieser Blicke schienen sich unter seine Haut zu schreiben.

Kurz darauf kam Mahmud aus Ibrahims Büro. Er schüttelte den Kopf, als Zeichen der Ablehnung. Hinter ihm klang Ibrahims Stimme:

„Wenn du mich fragst, holst du dir Ärger.“ Mahmud hörte die Warnung, doch er wirkte unbeeindruckt. „Ich beschäftige mich ein bisschen mit ihm. Vielleicht kommt er zu sich. Morgen gebe ich euch Bescheid“, sagte er und drehte sich an der Türschwelle noch einmal um.

Draußen ging er zu Mad, der hilflos mitten im Hof stand, und machte seine Worte und seine Autorität eindeutig. Er zeigte die Waffe, die er unter der Jacke trug, und ließ jedes Wort wie einen Hammerschlag fallen:

„Hör zu, Kekî. Wenn du versuchst wegzulaufen, kenne ich kein Mitleid, ich schieße. Du machst, was ich sage. Hast du verstanden? Ja?“

In diesem Moment kam ein Peschmerga näher, mit einem spöttischen Lächeln.

„Na, Mahmud. Aus dem wird noch ein besserer Peschmerga als du.“ Im Hof brach angespanntes Gelächter aus. Mad spürte, dass man sich über ihn lustig machte, senkte den Blick auf den Staub vor seinen Füßen und zog sich in eine wortlose, namenlose, tiefe Einsamkeit zurück.

Mahmud fuhr seine Freunde mit unerwarteter Härte an: „Was wollt ihr von einem Verrückten Gottes, von einem, der den Verstand verloren hat?“

Dann wandte er sich an Mad und deutete mit dem Kopf. „Komm. Wir gehen.“ Als Mad nicht reagierte, schob Mahmud ihn leicht an, brachte ihn nach vorn. Gemeinsam gingen sie durch die Straßen, die mit dem Abend dunkler und leerer wurden. Eine schwere Stille begleitete sie zwischen ihren Schritten wie eine dritte Person.

Mad spürte in dieser Stille, dass etwas grundlegend falsch lief, dass er in eine Falle geraten war, doch ihm fehlte jedes Mittel, es auszudrücken. Als sie die leeren Reste des Marktplatzes erreichten, blieb Mahmud stehen und hielt seine Wut kaum zurück:

„Die Männer trauen dir nicht. Ich traue dir auch noch nicht. Wenn du wieder zu dir kommst, kannst du selbst in die Hölle gehen, wohin du willst.“

05 Kapitel 5 Lesen · Hören +
Kapitel 05 · Deutsche Frauenstimme
Bereit zum Vorlesen.

Als sie den Hof betraten, der sich hinter hohen Steinmauern vor der Straße verbarg, zog Mahmud Wasser aus dem Brunnen. Er wartete, bis der Staub der Nacht und des Weges von Mads Gesicht und Hals herunterlief. Am Fuß der Wände, deren Putz abgeblättert war und die mit der Erde eins geworden waren, trieben wilde Kräuter aus, trotzig und still.

Der bärtige Alte, der öffnete, erstarrte, als er die Müdigkeit in Mads Körper und die tiefe Fremdheit in seinen Augen sah.

“Wer ist das?” “Ein Gast Gottes, Bavo”, sagte Mahmud, mit einem Hauch von Schutz in der Stimme.

Mad ging in den Wohnraum. Auf das abgenutzte Kissen an der Wand setzte er sich mit einer scheuen Stille, als zöge er sich in den Bau eines Tieres zurück. Seine Augen blieben an einer blassen Landkarte hängen, die an der Wand hing, und an dem Porträt eines grauhaarigen Mannes mit Brille. Dieses Gesicht schien das Gewicht der Zeit schweigend abzuwiegen.

Kurz darauf glitt eine zierliche Frau herein. Sie trug ein schwarzes Barett über einem weißen Tülbent, über ihrem blumengemusterten roten Fistan hatte sie eine Strickjacke. Als sie Mad sah, zuckte sie zusammen, dann wurde sie weich, von einer instinktiven Barmherzigkeit getragen.

“Ev kîye?”, fragte sie, ihre Stimme so leise wie ein Wiegenlied einer Mutter.

Der Alte antwortete. “Ein Gast Gottes.” Die Frau richtete das Tülbent auf ihrem Kopf mit einer Bewegung, leicht wie ein Lächeln.

“Bi xêr hatî.” Die Wärme in ihrer Stimme war wie ein Feuer, das die kalten Steinwände des Raumes weich machte.

Der Alte setzte sich auf das Kissen gegenüber, genau Mad gegenüber. Die tiefen Linien in seinem Gesicht bewegten sich vor Neugier.

“Navê te çiye?” Mad versuchte aus der Wärme der Blicke und aus der Sanftheit der Körperhaltung die Frage zu erraten. Doch die Worte gehörten immer noch zu einer anderen, verlorenen Welt. Eine Antwort verknotete sich in seiner Kehle.

In diesem Moment kam Mahmud zurück, mit Kissen und Decke in den Händen.

“Wir sind sehr müde, Bavo. Lass uns morgen reden”, sagte er, seine Stimme schwer von der Last des Tages. Seine Worte klangen weniger wie ein Befehl als wie die Bitte um Zuflucht.

Nach einem kurzen Zögern gingen die Alten schweigend aus dem Raum.

Mahmud legte das Kissen in eine Ecke und zeigte darauf. “Ich werde hier schlafen. Du wirst in meinem Zimmer schlafen.” Mad stand auf, mit einer inneren Erleichterung, zum ersten Mal in dieser Welt sicher über den Sinn eines Satzes. Diese kleine Anweisung war wie ein Sicherheitsgurt.

Kurz bevor Mahmud die Tür schloss, deutete er an, indem er den Griff der Waffe an seinem Gürtel leicht berührte. Seine Stimme war leise, aber jede Silbe war klar.

“Ich vertraue dir.” Mad nickte, als hätte er verstanden. Dann legte er die Hand auf die Brust, auf sein Herz, und flüsterte, als würde er seine Existenz ausrufen.

“Mad.”

Mahmud nickte bei dieser reinen, einfachen Antwort. Auf seinem Gesicht erschien ein müdes Lächeln.

“Gut, du Verrückter. Geh schlafen.” Doch Mad ging nicht. Er trat langsam näher und berührte mit den Fingerspitzen ganz leicht Mahmuds Brust, auch dort, wo sein Herz lag.

“Mahmud.” Diese Berührung ließ in Mahmud alles Eis schmelzen, alle Schichten aus Misstrauen und Härte, die der Krieg zurückgelassen hatte. Für einen Augenblick stand die Zeit still. Das Geräusch des Krieges draußen, die Angst drinnen, die Ungewissheit der Zukunft, alles verstummte. Vor Mahmuds Augen erschien das Gesicht seines Bruders Azad, den er vor langer Zeit verloren hatte, mit derselben reinen, ungeschützten Unschuld. Er holte tief, zitternd Luft und schloss die Augen für einen kurzen Moment.

“Morgen reden wir darüber”, sagte er. Seine Stimme trug nicht mehr den Ton eines Peschmerga, sondern den weichen, zerbrechlichen Ton eines Menschen.

Dieser kleine, stille Augenblick verknüpfte die Schicksalslinien zweier Fremder miteinander, unsichtbar, aber wie mit einem festen Faden.

Mad war erst seit drei Tagen an der Oberfläche. Doch in jener Nacht spürte er zum ersten Mal, dass er, jenseits von Sprache und Krieg, den reinen, warmen Atem der Menschlichkeit in seine Lungen zog. Nicht sprechen zu können war keine Angst mehr, kein Mangel. Es war ein fester Schutzschild gegen diese unverständliche und gefährliche Welt. Die Laute, die er nicht verstand, die fremden Gesichter, alles nährte ein neues, geheimnisvolles Leben.

Bekir, seinen ersten Führer, hatte er verloren. Doch nun hatte er an einem unerwarteten Ort, mitten im Krieg, einen Freund gefunden.

In jener Nacht, in einem fensterlosen Zimmer, im Bett eines fremden Hauses, glitt Mad zum ersten Mal seit seinem Aufstieg in einen tiefen, sorglosen Schlaf.

Leserstimme

Prof. Dr. Deniz Aslan

„Auch dieses Thema ist sehr schwierig und eines, über das es nur wenig Übereinstimmung gibt. Dennoch habe ich entschieden, dass es richtig ist, dieses schwierige Thema in diesem Buch aus Ihrer Gedankenwelt und vielleicht auch aus Ihrer persönlichen Erfahrung heraus zu lesen.“

Prof. Dr. Deniz Aslan · Ankara · 15.02.2025 Aus dem Türkischen übersetzt
MAD Trilogie · III

Die Götter sind fort.
Der Mensch ist geblieben.

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